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Es ist mir vollkommen unverständlich wie man heute noch zur
Elektrokrampftherapie (oder Elektroschocktherapie im Volksmund) greifen
kann, wenn man um die schädigende Wirkung auf das Gehirn weiß. Außerdem weiß man bis heute nicht wie die EKT im Kopf wirkt.
Im besten Fall hat die EKT höchstens für ein paar Monate eine positive
Wirkung, wobei diese Wirkung zu einem unverantwortliche Preis erkauft
wird. Viel scheint diese “Therapie” auch mit einer Placebo-Wirkung tun
zu haben, wie der Autor in einer Studie zum Schluß des Artikels erklärt.
Auch berücksichtigt eine EKT das soziale Umfeld eines psychisch Kranken
nicht, aber das verwundert ja nicht, da Psychiater unbeirrbar an
ausschließlich biologische Gründe für eine psychische Störung glauben.
Sie beachten das Psychische kaum. Wie wenig Psychopharmaka hilfreich
sind, weiß jeder, der psychisch Kranke kennt. Sicher sind nur die oft
sehr schweren Nebenwirkungen – die manchmal die gewollte Hauptwirkung
sind (zu sedieren, bis jemand ein Zombie ist und sein Willen vollkommen
gebrochen ist). So sind diese Kranken dann leichter zu “führen” weil sie
fügsam sind. Der Autor des Berichts in der Süddeutschen Zeitung
ist nich allzu kompetent, scheint blauäugig an die Sache ranzugehen
und glaubt den Beteuerungen von Psychiatern. Es ist
klar, dass ein “Elektroschocker” seine Methode verteidigen wird.
Unter dem Titel “Hilfreicher Stromschlag ins Gehirn” berichtete die
Süddeutsche Zeitung am 27. 08. 2012 (online) über die so genannte
Elektrokrampftherapie (auch: Elektrokonvulsionstherapie oder,
volkstümlich, Elektroschocktherapie), mit der beispielsweise “Depressive” oder “Schizophrene” behandelt werden.
Hier heißt es:
“Ein bisschen frustrierend ist
das manchmal schon, weil wir mit etwas arbeiten, das wir nicht
verstehen”, sagt Anästhesist Thomas Reiter, während er die
Körperfunktionen seiner Patientin in der Aufwachphase überprüft. In der
Tat ist über den eigentlichen Wirkmechanismus der EKT so gut wie
nichts bekannt.”
Es gäbe, so schreibt die
Zeitung, zwar einige Studien über Veränderungen im Gehirn der
Geschockten, aber die Faktenlage sei insgesamt dünn. Dennoch, so wird
schon im Titel der Eindruck erweckt, sei der Stromschlag hilfreich.
Daran habe ich keine Zweifel. Allein, wem hilft er?
Die so genannte
Elektrokrampftherapie ist eine Standardmethode der Gehirnwäsche, die
beispielsweise von Geheimdiensten und militärischen Organisationen
praktiziert wird. Die Spezialisten in diesen Einheiten kennen den
Wirkmechanismus ebenfalls nicht. Sie sind deswegen aber keineswegs
beunruhigt.
Wissen sie doch, dass die gewünschte Wirkung, die ihnen bei der
Meisterung ihrer verantwortungsvollen Aufgabe im Dienste des Staates
hilft, zuverlässig eintritt, wenn man die Methode nur skrupellos genug
und mit Fingerspitzengefühl anwendet.
Die Geschockten sind nach den
hilfreichen Stromschlägen ins Gehirn hochgradig fügsam und suggestibel.
Die Elektroschocks versetzen den elektrisch Malträtierten vorübergehend
in einen infantilen Zustand. Sie rufen künstlich eine neurologische
Störung hervor, die von den Neurologen als “hirnorganisches
Psychosyndrom” bezeichnet wird.
Es ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet:
Gedächtnisstörungen
zeitliche, räumliche und personenbezogene Verwirrung und Desorientiertheit
allgemeine Störung der intellektuellen Funktionen
Beeinträchtigungen der Urteils- und Kritikfähigkeit
Verflachung bzw. Unangemessenheit der emotionalen Reaktionen
Gefühl der Abgehobenheit von der Realität
In George Orwells utopischem
Gesellschaftsentwurf “1984″ gibt es ein Ministerium für Wahrheit, das
sich mit Geschichtsklitterung beschäftigt.
Die Vergangenheit wird grundlegend im Sinne des “Großen Bruders” umgedichtet.
Die Herrschenden in George Orwells Roman hatten erkannt, dass
Menschen Suggestionen keinen Widerstand mehr entgegensetzen können, wenn
sie glauben, diese stünden im Einklang mit der historischen Erfahrung
und ihrer persönlichen Vergangenheit. Sie haben dann keinen
Vergleichsmaßstab mehr.
Wer sich dennoch gegen Suggestionen sträubt und
Gedankenverbrechen begeht (also denkt, was er nicht denken soll), wird
im Ministerium für Liebe umgedreht – unter anderem mit
“Elektrokrampftherapie”.
Nach einer Elektrokrampftherapie
ist der “Patient” dankbar für jeden Hinweis, der ihm aus seinem Zustand
der Desorientiertheit und Verwirrung heraushilft. Ärzte und Angehörige
werden ihm sagen, dass er dank eines hilfreichen Stromschlag ins Gehirn
wieder hoffnungsfroh in die Zukunft blicken könne und dass die
“Symptome” seiner “psychischen Krankheit” nach menschlichem Ermessen
schon bald gemildert sein würden. Auch an den Nachwirkungen der
Behandlung müsse er nicht lange leiden. Dann beginne ein neues Leben.
Dies ist der ideale Nährboden für den Placebo-Effekt.
Niemand kennt die Ursachen einer
“Schizophrenie” oder einer “Depression”. Trotz intensiver Forschung sind
alle Versuche, die biologischen Ursachen dieser angeblichen Krankheiten
zu identifizieren, grandios gescheitert. Dabei wurde auch ein
erheblicher finanzieller Aufwand getrieben, mit Geldern, die aus
staatlichen und pharmaindustriellen Quellen sprudelten. Leider blieb
kaum noch Geld dafür übrig, um nach sozialen Ursachen zu suchen.
Und so bin auch ich auf Spekulationen angewiesen. Dadurch unterscheide ich mich nicht von der Psychiatrie.
Aus meiner Sicht handelt es sich bei allen “psychischen Krankheiten”
(ausgenommen sind Störungen, die durch nachgewiesene neurologische
Krankheiten hervorgerufen wurden)
um Leistungen eines intakten Gehirns, das nach dem Motto “Garbage in, garbage out!” im wahrsten Sinn verrückt spielt.
Ein drastisches Beispiel dafür sind die “psychischen
Störungen” von Frontkämpfern. Fast alle Soldaten rasten spätestens nach
einigen Wochen in Stahlgewittern aus. Sie prägen Verhaltensmuster aus, klagen über Erlebnisweisen, die von den Wehrpsychiatern als “krank” gedeutet werden.
Diese “psychiatrischen Syndrome” zeigen sich nicht nur bei Soldaten,
die schon immer psychisch auffällig, sondern auch bei Menschen, die
zuvor an ihre zivile Umwelt aufs Allerbeste angepasst waren. Garbage in,
garbage out.”
Der Wahnsinn des Krieges macht diese Menschen verrückt; genauer, er bringt sie dazu, verrückt zu spielen, um ihm zu entkommen.
Vor vielen, vielen Jahren erforschte ich als Angestellter eines
sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts die Auswirkungen moderner
Technik auf das menschliche Gemüt. Wie es sich gehört, hantierte ich mit
Fragebögen und ließ den Großrechner heißlaufen. Damals gab es noch
keine PCs, die Statistik konnten.
Aber ich interviewte auch Betroffene, ließ mich auf ihre Gedanken
ein, versuchte, mich einzufühlen in ihre Situation. Eine Frau sagte mir:
“Es ist wie im Krieg, ich muss mich anpassen, weglaufen kann man ja
nicht, bei den Verhältnissen am Arbeitsmarkt ist das nicht klug für eine
Frau in meinem Alter.” Sie sah grau aus, wirkte älter, als sie war.
Ihre Miene war traurig, ihr Blick Hilfe suchend.
Für viele Menschen in unserer Gesellschaft ist es wie im Krieg.
Zahllose Kräfte, derer sie sich nicht erwehren können, zerren an ihnen,
oft in verschiedene Richtungen. Sie möchten weglaufen, können aber
nicht. Sie möchten angreifen, fürchten sich aber vor den Konsequenzen.
In solchen Situationen mag es als die beste aller wahrgenommenen
Möglichkeiten erscheinen, die Rolle des “psychisch Kranken” zu
übernehmen.
Durch Psychotherapien, durch
Psycho-Drogen (“Medikamente”), durch Elektroschocks oder gar durch
Psychochirurgie ändert sich nichts an der sozialen Realität dieser
Menschen. Die sozialen und ökonomischen Schieflagen bleiben unverändert.
Die Menschen werden dadurch häufig aber fügsam und offen für
Suggestionen.
Wen wundert es da, dass die Rückfallquote nach Elektroschockbehandlung hoch ist?
“Almost half of the patients relapsed in 1 year after discontinuation
of c/mECT, most of these within the first 3 months and all within the
first 8 months”, berichtet das “Journal of ECT” (3).
Dies ist ja auch nicht anders zu erwarten, wenn man die
Ursachen der Störungen nicht im Gehirn, sondern in den sozialen
Verhältnissen verortet. Vor diesen kann man zwar eine Weile seine Augen
verschließen, aber nicht für immer, es sei denn, man schlösse seine
Augen für immer.
John Read und Richard Bentall wollten sich nicht mit unsystematischen
Berichten über Erfolge und Misserfolge der Elektrokrampftherapie
zufrieden geben. Sie recherchierten daher in den einschlägigen
Datenbanken, um alle placebo-kontrollierten Studien zu den
Behandlungserfolgen zu erfassen. (In diesen Untersuchungen
wurden echte mit simulierten Schocks verglichen; die Patienten werden
während der Behandlungen betäubt.)
Es folgt ein englischer Text. Wer will kann ja in der Quelle lesen.
Kurz:
über den Placebo-Effekt hinaus nur minimale echte positive Effekte während, keine nach der Behandlungsperiode
keine Studien, die auf Suizidprävention hinweisen
wegen der Gefahr permanenter Hirnschädigungen und eines gesteigerten Todesrisikos ist die Elektrokrampftherapie wissenschaftlich NICHT gerechtfertigt.
Die unerwünschten Effekte sind also sehr real und
physiologisch begründet, aber die erwünschten Wirkungen beruhen, sofern
sie überhaupt eintreten, weitgehend auf dem Placebo-Effekt.
Von all diesen Dinge weiß der Autor des Berichts in der
Süddeutschen Zeitung offenbar nichts. Er erweckt den Eindruck, dass die
Elektrokonvulsionstherapie für manche Patienten, die schlecht auf andere
Maßnahmen ansprechen, das Mittel der Wahl sei. Fakt ist, dass diese “Therapie” allenfalls einen Placeboeffekt besitzt und dass auch dieser Effekt sehr schnell abklingt.
“In unserer
Gesellschaft sind diejenigen, die am besten wissen, was passiert, auch
am weitesten davon entfernt, die Welt so zu sehen, wie sie tatsächlich
ist. Allgemein gesagt, je größer die Einsicht, desto größer die
Selbsttäuschung: je intelligenter, desto weniger vernünftig.” (George Orwell, 1984, Seite 25)
Gruß Hubert
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