Freitag, 5. Dezember 2014
Seelische Grundlagen einer Gesellschaft - Erich Fromm
Ich möchte hier einige Gedanken des Sozialpsychologen und Philosophen Erich Fromm vorstellen. Er erklärt auch, wie es dazu kommt dass das Kind gezwungen bzw. manipuliert wird seine eigenen, aus sich selbst kommenden Wünsche und den eigenen Willen aufzugeben und stattdessen sich fremdbestimmen zu lassen. Es nimmt fremde Wünsche und Gefühle an. Hier wird schon der Samen gelegt, dass Menschen meist nicht frei und glücklich leben können. Von kirchlicher Seite kommt da noch, neben vielen anderen Dingen, die Unterdrückung der Sexualität, die von entscheidender Bedeutung für die Psyche und die Freiheit des Menschen ist. Diese Unterdrückung der Sexualität kommt nicht von ungefähr und ist wohldurchdacht. Die Selbstbestimmung und das eigene Denken ist der größte Feind der Kirchen. Ihre Macht beruht auf Fremdbestimmung bzw. ob sich ein Individuum fremdbestimmen lässt.
Aus: Erich Fromm - Haben oder Sein
Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft
Eingeschränkt wird die freie, spontane Willensäußerung des Säuglings, des Kindes, des Jugendlichen und schließlich des Erwachsenen, sein Verlangen nach Wissen und Wahrheit, sein Wunsch nach Zuneigung.
Der im Wachstum begriffene Mensch wird gezwungen, die meisten seiner autonomen, echten Wünsche und Interessen und seinen eigenen Willen aufzugeben und einen Willen, Wünsche und Gefühle anzunehmen, die nicht aus ihm selbst kommen, sondern ihm durch die gesellschaftlichen Denk- und Gefühlsmuster aufgenötigt werden.
Die Gesellschaft und die Familie als deren psychosoziale »Agentur« haben ein schwieriges Problem zu lösen: Wie breche ich den Willen eines Menschen, ohne daß dieser es merkt? Durch einen komplizierten Prozeß der Indoktrination, durch ein System von Belohnungen, Strafen und entsprechender Ideologie wird diese Aufgabe jedoch so gut gelöst, daß die meisten Menschen glauben, ihrem eigenen Willen zu folgen, ohne sich bewußt zu sein, daß dieser konditioniert und manipuliert wurde.
Die größte Schwierigkeit bei dieser Unterdrückung des Willens besteht hinsichtlich der Sexualität, da wir es hier mit einem starken natürlichen Streben zu tun haben, das weniger leicht zu manipulieren ist als viele andere Wünsche. Aus diesem Grund wurde die Sexualität heftiger bekämpft als fast jedes andere menschliche Verlangen. Es erübrigt sich, die verschiedenen Formen von Diffamierung der Geschlechtlichkeit aufzuzählen, von moralischer Verteufelung (Sexualität ist an sich böse) bis zu gesundheitlichen Argumenten (Masturbation ist schädlich).
Die Kirche verbietet die Geburtenkontrolle im Grunde nicht deshalb, weil sie um die Heiligkeit des Lebens besorgt ist (eine Besorgnis, die zur Ablehnung der Todesstrafe und einer Verdammung des Krieges führen würde), sondern um die Sexualität zu verunglimpfen, sofern sie nicht der Fortpflanzung dient.
aus: Erich Fromm - Gesellschaft und Seele
Beiträge zur Sozialpsychologie und zur psychoanalytischen Praxis
Es kam uns nur darauf an, das Prinzipielle zu zeigen, nämlich, daß das, was das Kind in der Familie erlebt, der Reflex der gesellschaftlichen Lebenspraxis ist, und daß die Familie nicht die Ursache der Charakterbildung, sondern der Mechanismus der Transmission der gesellschaftlich gegebenen Züge auf das Individuum darstellt. Noch anders ausgedrückt, die Familie ist die psychologische Agentur der Gesellschaft. Das Studium der Famiienstruktur ist unerläßlich für das Verständnis der für eine Gesellschaft typischen Persönlichkeitsstruktur; denn nur die Kenntnis der Einzelheiten des Familienlebens und der Erziehungsweise gibt eine Einsicht darüber, wie sich die gesellschaftlichen Erfordernisse, soweit sie die Persönlichkeit betreffen, ins Individuell-Psychische umsetzen. Es ist jedoch verfehlt, bei der Analyse einer Gesellschaft bei der Darstellung ihres Erziehungsprozesses als letztem Datum stehenzubleiben. Der Erziehungsprozeß selbst wieder muß auf seine gesellschaftlichen Bedingungen analysiert werden.
aus: Erich Fromm - Humanistisches Credo
Ich glaube, Erziehung bedeutet, daß man die Jugend mit dem Besten bekanntmacht, was ihr die Menschheit hinterlassen hat. Wenn dieses Erbe auch großenteils in Worten überliefert ist, so kann es doch nur wirksam werden, wenn diese Worte in der Person des Lehrers und in der Praxis und Struktur der Gesellschaft Wirklichkeit werden. Nur die Idee, die »Fleisch wird«, kann einen Einfluß auf den Menschen ausüben; die Idee, die ein Wort bleibt, kann nur Worte ändern.
Ich glaube an die Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen. Darunter verstehe ich, daß der Mensch sein Ziel erreichen kann, es aber nicht erreichen muß.
Wenn jemand nicht das Leben wählen will und deshalb nicht weiterwächst, wird er unausweichlich destruktiv, ein lebender Leichnam. Das Böse und der Verlust des Selbst sind ebenso wirklich wie das Gute und die Lebendigkeit.
Sie sind die sekundären Möglichkeiten des Menschen, wenn er sich nicht für seine primären Möglichkeiten entscheidet.
Ich glaube, daß der Mensch nur ausnahmsweise als Heiliger oder als Verbrecher geboren wird. Die meisten von uns besitzen sowohl Dispositionen zum Guten wie zum Bösen, wenn auch ihr jeweiliges Gewicht von Mensch zu Mensch verschieden ist. Daher wird unser Schicksal weitgehend von jenen Einflüssen bestimmt, die die vorhandenen Dispositionen formen und gestalten. Den wichtigsten Einfluß übt die Familie aus. Aber die Familie ist selbst nur »die Agentur der Gesellschaft«, der Transmissionsriemen für die Werte und Normen, welche eine Gesellschaft ihren Mitgliedern einprägen will.
Aus diesem Grund sind Struktur und Werte der Gesellschaft, in die ein Mensch hineingeboren wird, die wichtigsten Faktoren für seine Entwicklung.
aus: Burkhard Bierhoff - Zum Zusammenhang von Arbeit, Charakter und Erziehung
http://www.pagan-forum.de/Thema-Schlechte-Laune?page=2
Erich Fromm: Krank sind die Angepaßten!
http://youtu.be/JayPmA9pFfY
Gruß Hubert
Samstag, 4. Januar 2014
Elektrokrampftherapie
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Es ist mir vollkommen unverständlich wie man heute noch zur Elektrokrampftherapie (oder Elektroschocktherapie im Volksmund) greifen kann, wenn man um die schädigende Wirkung auf das Gehirn weiß. Außerdem weiß man bis heute nicht wie die EKT im Kopf wirkt. Im besten Fall hat die EKT höchstens für ein paar Monate eine positive Wirkung, wobei diese Wirkung zu einem unverantwortliche Preis erkauft wird. Viel scheint diese “Therapie” auch mit einer Placebo-Wirkung tun zu haben, wie der Autor in einer Studie zum Schluß des Artikels erklärt.
Auch berücksichtigt eine EKT das soziale Umfeld eines psychisch Kranken
nicht, aber das verwundert ja nicht, da Psychiater unbeirrbar an
ausschließlich biologische Gründe für eine psychische Störung glauben.
Sie beachten das Psychische kaum. Wie wenig Psychopharmaka hilfreich
sind, weiß jeder, der psychisch Kranke kennt. Sicher sind nur die oft
sehr schweren Nebenwirkungen – die manchmal die gewollte Hauptwirkung
sind (zu sedieren, bis jemand ein Zombie ist und sein Willen vollkommen
gebrochen ist). So sind diese Kranken dann leichter zu “führen” weil sie
fügsam sind. Der Autor des Berichts in der Süddeutschen Zeitung
ist nich allzu kompetent, scheint blauäugig an die Sache ranzugehen
und glaubt den Beteuerungen von Psychiatern. Es ist
klar, dass ein “Elektroschocker” seine Methode verteidigen wird.
Jetzt hier aber zum Hauptthema, zur EKT auf http://pflasterritzenflora.ppsk.de
Unter dem Titel “Hilfreicher Stromschlag ins Gehirn” berichtete die Süddeutsche Zeitung am 27. 08. 2012 (online) über die so genannte Elektrokrampftherapie (auch: Elektrokonvulsionstherapie oder, volkstümlich, Elektroschocktherapie), mit der beispielsweise “Depressive” oder “Schizophrene” behandelt werden.
Hier heißt es:
“Ein bisschen frustrierend ist das manchmal schon, weil wir mit etwas arbeiten, das wir nicht verstehen”, sagt Anästhesist Thomas Reiter, während er die Körperfunktionen seiner Patientin in der Aufwachphase überprüft. In der Tat ist über den eigentlichen Wirkmechanismus der EKT so gut wie nichts bekannt.”
Es gäbe, so schreibt die Zeitung, zwar einige Studien über Veränderungen im Gehirn der Geschockten, aber die Faktenlage sei insgesamt dünn. Dennoch, so wird schon im Titel der Eindruck erweckt, sei der Stromschlag hilfreich.
Daran habe ich keine Zweifel. Allein, wem hilft er?
Die so genannte Elektrokrampftherapie ist eine Standardmethode der Gehirnwäsche, die beispielsweise von Geheimdiensten und militärischen Organisationen praktiziert wird. Die Spezialisten in diesen Einheiten kennen den Wirkmechanismus ebenfalls nicht. Sie sind deswegen aber keineswegs beunruhigt.
Wissen sie doch, dass die gewünschte Wirkung, die ihnen bei der Meisterung ihrer verantwortungsvollen Aufgabe im Dienste des Staates hilft, zuverlässig eintritt, wenn man die Methode nur skrupellos genug und mit Fingerspitzengefühl anwendet.
Die Geschockten sind nach den hilfreichen Stromschlägen ins Gehirn hochgradig fügsam und suggestibel. Die Elektroschocks versetzen den elektrisch Malträtierten vorübergehend in einen infantilen Zustand. Sie rufen künstlich eine neurologische Störung hervor, die von den Neurologen als “hirnorganisches Psychosyndrom” bezeichnet wird.
Es ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet:
Gedächtnisstörungen
zeitliche, räumliche und personenbezogene Verwirrung und Desorientiertheit
allgemeine Störung der intellektuellen Funktionen
Beeinträchtigungen der Urteils- und Kritikfähigkeit
Verflachung bzw. Unangemessenheit der emotionalen Reaktionen
Gefühl der Abgehobenheit von der Realität
In George Orwells utopischem Gesellschaftsentwurf “1984″ gibt es ein Ministerium für Wahrheit, das sich mit Geschichtsklitterung beschäftigt.
Die Vergangenheit wird grundlegend im Sinne des “Großen Bruders” umgedichtet.
Die Herrschenden in George Orwells Roman hatten erkannt, dass Menschen Suggestionen keinen Widerstand mehr entgegensetzen können, wenn sie glauben, diese stünden im Einklang mit der historischen Erfahrung und ihrer persönlichen Vergangenheit. Sie haben dann keinen Vergleichsmaßstab mehr.
Wer sich dennoch gegen Suggestionen sträubt und Gedankenverbrechen begeht (also denkt, was er nicht denken soll), wird im Ministerium für Liebe umgedreht – unter anderem mit “Elektrokrampftherapie”.
Nach einer Elektrokrampftherapie ist der “Patient” dankbar für jeden Hinweis, der ihm aus seinem Zustand der Desorientiertheit und Verwirrung heraushilft. Ärzte und Angehörige werden ihm sagen, dass er dank eines hilfreichen Stromschlag ins Gehirn wieder hoffnungsfroh in die Zukunft blicken könne und dass die “Symptome” seiner “psychischen Krankheit” nach menschlichem Ermessen schon bald gemildert sein würden. Auch an den Nachwirkungen der Behandlung müsse er nicht lange leiden. Dann beginne ein neues Leben. Dies ist der ideale Nährboden für den Placebo-Effekt.
Niemand kennt die Ursachen einer “Schizophrenie” oder einer “Depression”. Trotz intensiver Forschung sind alle Versuche, die biologischen Ursachen dieser angeblichen Krankheiten zu identifizieren, grandios gescheitert. Dabei wurde auch ein erheblicher finanzieller Aufwand getrieben, mit Geldern, die aus staatlichen und pharmaindustriellen Quellen sprudelten. Leider blieb kaum noch Geld dafür übrig, um nach sozialen Ursachen zu suchen.
Und so bin auch ich auf Spekulationen angewiesen. Dadurch unterscheide ich mich nicht von der Psychiatrie.
Aus meiner Sicht handelt es sich bei allen “psychischen Krankheiten” (ausgenommen sind Störungen, die durch nachgewiesene neurologische Krankheiten hervorgerufen wurden)
um Leistungen eines intakten Gehirns, das nach dem Motto “Garbage in, garbage out!” im wahrsten Sinn verrückt spielt.
Ein drastisches Beispiel dafür sind die “psychischen Störungen” von Frontkämpfern. Fast alle Soldaten rasten spätestens nach einigen Wochen in Stahlgewittern aus. Sie prägen Verhaltensmuster aus, klagen über Erlebnisweisen, die von den Wehrpsychiatern als “krank” gedeutet werden.
Diese “psychiatrischen Syndrome” zeigen sich nicht nur bei Soldaten, die schon immer psychisch auffällig, sondern auch bei Menschen, die zuvor an ihre zivile Umwelt aufs Allerbeste angepasst waren. Garbage in, garbage out.”
Der Wahnsinn des Krieges macht diese Menschen verrückt; genauer, er bringt sie dazu, verrückt zu spielen, um ihm zu entkommen.
Vor vielen, vielen Jahren erforschte ich als Angestellter eines sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts die Auswirkungen moderner Technik auf das menschliche Gemüt. Wie es sich gehört, hantierte ich mit Fragebögen und ließ den Großrechner heißlaufen. Damals gab es noch keine PCs, die Statistik konnten.
Aber ich interviewte auch Betroffene, ließ mich auf ihre Gedanken ein, versuchte, mich einzufühlen in ihre Situation. Eine Frau sagte mir: “Es ist wie im Krieg, ich muss mich anpassen, weglaufen kann man ja nicht, bei den Verhältnissen am Arbeitsmarkt ist das nicht klug für eine Frau in meinem Alter.” Sie sah grau aus, wirkte älter, als sie war. Ihre Miene war traurig, ihr Blick Hilfe suchend.
Für viele Menschen in unserer Gesellschaft ist es wie im Krieg. Zahllose Kräfte, derer sie sich nicht erwehren können, zerren an ihnen, oft in verschiedene Richtungen. Sie möchten weglaufen, können aber nicht. Sie möchten angreifen, fürchten sich aber vor den Konsequenzen. In solchen Situationen mag es als die beste aller wahrgenommenen Möglichkeiten erscheinen, die Rolle des “psychisch Kranken” zu übernehmen.
Durch Psychotherapien, durch Psycho-Drogen (“Medikamente”), durch Elektroschocks oder gar durch Psychochirurgie ändert sich nichts an der sozialen Realität dieser Menschen. Die sozialen und ökonomischen Schieflagen bleiben unverändert. Die Menschen werden dadurch häufig aber fügsam und offen für Suggestionen.
Wen wundert es da, dass die Rückfallquote nach Elektroschockbehandlung hoch ist?
“Almost half of the patients relapsed in 1 year after discontinuation of c/mECT, most of these within the first 3 months and all within the first 8 months”, berichtet das “Journal of ECT” (3).
Dies ist ja auch nicht anders zu erwarten, wenn man die Ursachen der Störungen nicht im Gehirn, sondern in den sozialen Verhältnissen verortet. Vor diesen kann man zwar eine Weile seine Augen verschließen, aber nicht für immer, es sei denn, man schlösse seine Augen für immer.
John Read und Richard Bentall wollten sich nicht mit unsystematischen Berichten über Erfolge und Misserfolge der Elektrokrampftherapie zufrieden geben. Sie recherchierten daher in den einschlägigen Datenbanken, um alle placebo-kontrollierten Studien zu den Behandlungserfolgen zu erfassen. (In diesen Untersuchungen wurden echte mit simulierten Schocks verglichen; die Patienten werden während der Behandlungen betäubt.)
Es folgt ein englischer Text. Wer will kann ja in der Quelle lesen.
Kurz:
über den Placebo-Effekt hinaus nur minimale echte positive Effekte während, keine nach der Behandlungsperiode
keine Studien, die auf Suizidprävention hinweisen
wegen der Gefahr permanenter Hirnschädigungen und eines gesteigerten Todesrisikos ist die Elektrokrampftherapie wissenschaftlich NICHT gerechtfertigt.
Die unerwünschten Effekte sind also sehr real und physiologisch begründet, aber die erwünschten Wirkungen beruhen, sofern sie überhaupt eintreten, weitgehend auf dem Placebo-Effekt.
Von all diesen Dinge weiß der Autor des Berichts in der Süddeutschen Zeitung offenbar nichts. Er erweckt den Eindruck, dass die Elektrokonvulsionstherapie für manche Patienten, die schlecht auf andere Maßnahmen ansprechen, das Mittel der Wahl sei. Fakt ist, dass diese “Therapie” allenfalls einen Placeboeffekt besitzt und dass auch dieser Effekt sehr schnell abklingt.
“In unserer Gesellschaft sind diejenigen, die am besten wissen, was passiert, auch am weitesten davon entfernt, die Welt so zu sehen, wie sie tatsächlich ist. Allgemein gesagt, je größer die Einsicht, desto größer die Selbsttäuschung: je intelligenter, desto weniger vernünftig.” (George Orwell, 1984, Seite 25)
http://pflasterritzenflora.ppsk.de/elektrokrampftherapie/
Gruß Hubert
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