Donnerstag, 18. April 2013

1_Alfred-Deisenhofer_EKT













Tuesday, August 14, 2012


Alfred Deisenhofen - EKT

Psychiatrie

Sehr geehrte Damen und Herren,

Interessantes zur EKT




Alfred Deisenhofer (Münchner Psychiatrie-Erfahrene [MüPE] e.V.)
Beantwortung folgender 4 Fragen zur Elektrokrampftherapie aus meiner
persönlichen Sicht und Erfahrung

1) Bei welchen Diagnosen wird EKT angewandt?
2) Welche reversiblen und irreversiblen Nebenwirkungen hat EKT?
3) Wie wird die Elektrokrampftherapie durchgeführt?
4) Wie wirkt sich die Behandlung auf den Krankheitsverlauf aus?

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir sind auch der Meinung, dass das Thema EKT keine einfachen und raschen
Antworten erlaubt, schon deshalb nicht, weil EKT seit 70 Jahren so eng mit der
Geschichte der Psychiatrie verbunden ist und weil diese Wissenschaft so viele
Probleme und Widersprüche aufweist, angefangen von der Definition von
Krankheiten bis hin zu den Therapien. Trotzdem versuche ich, aus meiner und der
Sicht vieler unserer Mitglieder Ihre vier Fragen möglichst präzise und so
ausführlich, wie es mir unbedingt nötig scheint, zu beantworten. Weil das Thema
so komplex ist wie die menschliche Seele, ergeben sich dabei immer wieder
Überschneidungen. – Diagnosen, Art der Durchführung, vor allem Nebenwirkungen
und Heilerfolge lassen sich schwer allein bestimmen und genau einkreisen. Sie
werden auch unterschiedlich von Ärzten und Psychiatrieerfahrenen beurteilt. Was
für den Arzt als Erfolg erscheint, kann für den einzelnen Psychiatrieerfahrenen
eine Katastrophe sein.

1) Bei welchen Diagnosen wird EKT angewandt?
Die Elektrokrampftherapie (EKT) wird offiziell nur noch bei schweren
Depressionen eingesetzt, die auf Medikamente nicht ansprechen. Außerdem gilt sie
als »lebensrettend«; bei katatonen Zuständen, in denen der Patient auf seine
Umwelt nicht mehr reagiert. Bis etwa 1970 war EKT die unspezifische
Standardbehandlung für alle sogenannten »Geisteskrankheiten« oder das, was man
darunter verstand oder dafür hielt. Ich gehe davon aus, dass es auch heute
daneben noch eine hohe Dunkelziffer von EKT-Anwendung bei anderen Diagnosen
gibt, da die Behandlung sehr einfach und diskret durchzuführen ist und im
Gegensatz zur Medikamentenbehandlung außer dem Arzthonorar und dem einmaligen
Anschaffungspreis für das Gerät nur minimale Stromkosten verursacht. So wird in
den USA niedergelassenen Psychiatern zur Verbesserung ihrer wirtschaftlichen
Situation auch geraten, sich ein EKT-Gerät anzuschaffen und einen einwöchiges
Trainingskurs zu machen.
»..learn (…) specialized treatments, such as electroconvulsive therapy (ECT).
One psychiatrist whose practice was self-described as »strictly inpatient« took
a week-long practicum in ECT and has since developed an inpatient and outpatient
ECT service" (Auszug aus der Psychiatric Times).
Die Versuchung, EKT zur Lösung aller möglichen Probleme anzuwenden, scheint für
Psychiater sehr groß zu sein zum Schaden vieler Patienten, die oft glauben, dass
der Stromstoß ins Gehirn keine Schäden verursache, bis sie durch schmerzliche
Erfahrung eines besseren belehrt sind.
Ich selbst wurde jahrzehntelang im Unklaren darüber gelassen, ob und wie viele
Elektroschocks ich während meines Zwangsaufenthaltes in Haar bekommen hatte und
wegen welcher Diagnose. Ich musste also meine noch 1986 testpsychologisch
festgestellten Ausfallserscheinungen dem Fortschreiten einer Krankheit
zurechnen, die ich nicht gehabt hatte. Erst 1990 habe ich durch ein
Gerichtsgutachten (in dem es um meine Behinderung ging, nicht um eine Klage),
welches aus meinen Originalkrankenpapieren wörtlich zitierte, eher beiläufig zur
Kenntnis nehmen können, dass ich zusätzlich zu den 19 Insulinschocks auch
diskret 12 Elektroschocks erhalten hatte, was meine schweren
Ausfallserscheinungen nach meinem ersten Aufenthalt in Haar für mich
nachträglich erklärte. In einem Gerichtsgutachten von 1986 war aber noch
sachwidrig behauptet worden, in meinen Haarer Krankenpapieren wäre gar keine EKT
dokumentiert, aus den dortigen Unterlagen ginge nicht hervor, dass ich EKT
erhalten habe. Als Nichtprofi glaubt man immer dem Fachmann und seinem
Gutachten, auch wenn die Aussage falsch ist. Ich persönlich bin sicher, dass ich
bei meinem Erstaufenthalt in der Klinik 1953 in Haar als 18-Jährger durch
unnötig und willkürlich gegebene Schocktherapie so geprägt und geschädigt wurde,
dass sich von da an mein ganzes Leben und meine Persönlichkeit zum Negativen hin
veränderte. Meine nachfolgende Psychiatriekarriere wäre ohne diese
Schockbehandlung nicht eingetreten. Aus psychiatrischer Sicht wurde meine
Geisteskrankheit damals zum ersten Mal erkannt und hat sich »trotz«, nicht wegen
der Heilkrämpfe (die man dem Patienten natürlich aus »therapeutischen Gründen«
gegeben und verschwiegen hatte) dann weiterentwickelt. Aus meiner Sicht sieht
das anders aus.
Ich gehe auch davon aus, dass viele stationäre Langzeitpatienten, die heute
versorgt werden müssen, noch Opfer der damals extensiv geübten Schocktherapie
sind, ohne es zu wissen. Meine eklatanten sprachlichen Defizite (Aphasie) nach
EKT haben sich im Laufe der Jahrzehnte unter günstigen Bedingungen nach und nach
zurückgebildet, die visuellen Defizite sind aber heute noch offenkundig, obwohl
nicht mehr ganz so schwerwiegend wie unmittelbar nach der Behandlung. Dass EKT
damals für mich das soziale Aus bedeutete, lässt sich auch an meinem
Schülerbogen ablesen, den ich beilege.
Ich kenne verschiedene Psychiatrieerfahrene, die auch glaubhaft behaupten, EKT
erhalten zu haben, die es aber nicht belegen können, weil man es ihnen
verheimlicht hat. Es ist sehr schwierig, dann eine Gehirnschädigung durch EKT zu
behaupten, wenn EKT nicht dokumentiert ist. Unter vielen Leidensgenossen bin ich
fast ein Ausnahmefall, dass ich heute nach 40 Jahren definitiv weiß, was damals
an mir und vielen anderen verübt wurde. Eine mir bekannte Psychiatrieerfahrene
hat in den 80er Jahren nach einem Klinikaufenthalt in der Uniklinik Bonn durch
ihren Hausarzt nachträglich erfahren, dass die »Heilschlafbehandlungen«
eigentlich Elektrokrampfbehandlungen mit vorheriger Betäubung waren.

Ich lege einige Seiten aus Lehrbüchern vor, in denen das »amnestische Syndrom« als nicht schockverursacht, sondern konstitutionsbedingt hingestellt wird. Das ist typisch für die Denkweise der Schockärzte, dass sie die Folgen einer iatrogenen Hirnschädigung entweder nicht zur Kenntnis nehmen oder einfach auf die morbide Konstitution des Klienten abwälzen. Als ich Patient in Haar war, wurden noch häufig (eben auch an mir) Elektrokrämpfe in der Bewusstlosigkeit eines vorher erzeugten Insulinkomas verabreicht. Man nannte das »Kombinationsschock« und sprach dem doppelten Schock doppelte »Heilkraft« zu, nach dem Motto« je mehr desto besser«. Nur die ganz alten Psychiater wissen heute noch, was sich unter dem neutralen Namen Kombinationsschock« verbirgt.


Ich musste lange herumfragen, bis mir das einer erklären konnte, der es selber
noch gemacht hatte. Als ich Professor Sollmann anlässlich des internationalen
EKT-Workshops in München 1992 wegen meiner noch 1986 festgestellten
Gedächtnisdefizite ansprach, meinte er freundlich, diese müssten vom Insulinkoma
herrühren, da Elektroschock absolut sicher sei. Die meisten EKT-Patienten, die
ich in Deutschland persönlich kenne, reden nicht gerne über ihre leidvolle
Erfahrung mit Elektroschock und seinen Folgen. In Amerika gibt es eine Website
für Patienten zum Thema. Die meisten berichten über sehr negative Folgen . Nur
eine Hausfrau nimmt es mit Galgenhumor und schreibt, dass sie seit ihrer EKT in
ihren Schubladen immer etwas Neues findet, weil sie vergessen hat, was darin
war, und dass ihre Kinder es schätzten, dass sie immer zweimal Taschengeld von
ihr bekämen wegen ihrer Vergesslichkeit.. Schon in alten Lehrbüchern wird am
Rande eingeräumt, dass Leute bei geistiger Tätigkeit nach EKT Schwierigkeiten
haben.

Die englische Lyrikerin Sylvia Plath hatte in einem lesenswerten Buch (the jar bell) darüber geschrieben. Sie hat sich bald darauf suizidiert, so wie auch Earnest Hemingway, der sich besonders negativ und verzweifelt über die Folgen seiner EKT ausgesprochen hat. Die begabte Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach bekam, weil sie lesbisch und zudem drogensüchtig war, in den 40er Jahren in den USA vermutlich Krampftherapie, war dann eine gebrochene Persönlichkeit und starb bald darauf bei einem Fahrradunfall in der Schweiz, der auch suizidalen Charakter hatte. Man kann sagen, dass EKT zunächst gelegentlich eine Euphorie schaffen kann, wenn man durch den Angriff auf das Gehirn seine Probleme vergisst. Nachher kommen die Probleme meist mit doppelter Macht zurück, weil man auch noch, je nach Anzahl der Schocks, eine mehr oder weniger starke Gehirnschädigung zu verkraften hat. 


Ich lege einige Berichte von Betroffenen bei. Solche Berichte finden im Allgemeinen wenig Gehör und bewirken wenig, weil man Psychiatrieerfahrenen zu Unrecht die Fähigkeit abspricht, zu erkennen, was für sie gut oder schädlich war.

Ich selber habe noch keinen Patienten getroffen, der sich über seine EKT-Behandlung positiv ausgesprochen hat. Ich kenne aber viele, die sagen, sie möchten sich so behandeln lassen, da EKT auch in Zeitschriften als Wundertherapie für Finsternisse der Seele angepriesen wird. Ich rate jedem
Depressiven, dem die Ärzte eine EKT anraten, auf keinen Fall in eine solche Therapie einzuwilligen. Der Preis, den der Patient für eine eventuelle schnelle und vorübergehende Stimmungsaufhellung zahlt, ist sehr hoch.. Der bekannte Gehirnchirurg Detlev Linke, hat Wirkungsweise von EKT in einem mir vorliegenden Interview so beschrieben: »Wenn man eine defekte Uhr in die Ecke wirft, dann funktioniert sie manchmal und manchmal nicht.«

Bei depressiv Suizidgefährdeten und Katatonen rechtfertigt man EKT heute damit, dass ohne EKT der schwer Depressive sich suizidieren und der Katatone sterben würde, dass also EKT in beiden Fällen lebensrettend und das kleinere Übel sei, so dass selbst schwerwiegende Nebenwirkungen »Peanuts« sind.

Früher hat man in Haar mit ähnlichen Argumenten auch die Leukotomie gerechtfertigt und EKT eine

kleine Leukotomie genannt. Ich lege einen Ausschnitt aus der Haarer Festschrift von 1955 bei, in dem die Wirkung von EKT mit der noch besseren »Heilwirkung« der Leukotomie verglichen wird und beide »Therapien« der bis 1945 in Haar auchpraktizierten Euthanasie (Heilung durch Patientenmord) gegenübergestellt werden.

Vor dem Hintergrund der Haarer Euthanasie heben sich dann nach der Meinung der Autoren EKT und Leukotomie noch sehr positiv ab, und man beklagt in der Festschrift die nach 1945 einsetzende »Humanitätsduselelei«, die den Patienten die so segensreiche Leukotomie vorenthalten und den Ärzten ihre mutige Arbeit verleiden möchte. 

Man ging damals wenig rücksichtsvoll mit Patienten um und kümmerte sich nicht um ihre Empfindungen oder gar um Einwilligung. Compliance für EKT ist in moderner Zeit immer am leichtesten von einem Depressiven zu erhalten, weil von ihm am wenigsten Widerstand ausgeht. Aus dieser praktischen Erwägung heraus wird heute die Depression (wie eingangs erwähnt) als eigentliche Indikation genannt. Die sogenannte Positivsymptomatik einer produktiven Erstpsychose wird in der Regel nicht mehr (wie früher) mit Schocks behandelt, sondern durch hochdosierte sedierende Neuroleptika gedämpft.

Wenn unter der Wirkung der Medikamente eine sogenannte »Negativsymptomatik« auftritt, der Patient teilnahmslos oder gar kataton wird, kann dieser Zustand als depressiv eingestuft werden und nach der jetzigen Mode auch mit EKT angegangen werden. Psychiatrieerfahrene fürchten, dass sie ohne ihr Wissen in einer geschlossenen Klinik Elektroschock bekommen haben oder wieder bekommen können, eine Befürchtung, die ich aus den Erfahrungen meiner eigenen Krankengeschichte und angesichts der immer noch undurchsichtigen Strukturen der Großkrankenhäuser und ihrer mangelnden Informationspflicht und schlechten Dokumentation nachvollziehen kann.


Diese Angst ist umso verständlicher, als nach meiner Information auch in Haar kürzlich das neue Schockgerät Thymatron angeschafft wurde, nachdem man 20 Jahre lang in Haar offiziell nicht mehr geschockt hatte. 
 Patienten wurden dazu in eine Uniklinik gebracht. In den beigelegten Seiten aus dem Buch »Irre« von Rainald Götz ist so ein Fall dargestellt. Die heute wieder aufkommende Angst, in Großkliniken wieder geschockt zu werden, wird umso eher schwinden, je mehr sich eine gemeindenahe Versorgung der Psychisch Kranken (für die MüPE auch kämpft) durchsetzt und Qualitätskontrolle und Transparenz zur Regel werden.
Die sogenannte biologische Psychiatrie hat eigentlich nur drei Möglichkeiten zur Bekämpfung der sogenannten Psychosen, die man früher Geisteskrankheiten nannte,

a. die chemische Einwirkung durch dämpfende Psychopharmaka,
b. die undifferenzierte physikalische Elektroschockmethode 

(die auch als Foltermethode verwendet wurde, aber bei vorheriger Betäubung schmerzfrei ist,
auch wenn nachher Kopfschmerzen, Schwindelgefühle und Ausfälle entstehen) und

c. die früher auch in Haar häufig durchgeführte Leukotomie. 

Das war die chirurgische Abtrennung des Stirnhirns. Leukotomie, für deren Einführung der
portugiesische Psychiater Moniz den Nobelpreis erhalten hatte, wird heute nicht
mehr angewendet und (etwa zur Schmerzbekämpfung) durch modernere sterotaktische
Eingriffe ersetzt.
Da man bis heute nicht weiß, wie Elektrokrampftherapie wirkt, kann man es bei jeder psychiatrischen Diagnose einsetzen. Aus der Literatur, die ich verfolge, lässt sich entnehmen, dass EKT zunehmend jetzt für alte Patienten als nützlich und unschädlich dargestellt wird. Während Psychiatieerfahrene sich zu Selbsthilfegruppen zusammenschließen, langsam lernen, sich zu artikulieren, hat diese neue Zielgruppe der ganz alten Opas und Omas keine Lobby, vor allem, wenn sie auch noch depressiv sind. Gehirnschäden durch Schock können dann leicht der Altersdemenz zugerechnet werden. Die Gerontopsychiatrie scheint ein neues, auch gewinnträchtiges Einsatzgebiet für EKT zu werden.
Sogar für schwangere Frauen wird der Einsatz der neuen EKT als Alternative zu eventuell fötusschädigenden Medikamenten ernstlich in Erwägung gezogen.  

Bei der Ungenauigkeit der psychiatrischen Diagnosen und bei ihrer Undifferenziertheit besteht immer auch die Gefahr, dass wirtschaftliche Überlegungen auf seiten des Arztes eine Rolle spielen. 

Menschen mit hohem Leidensdruck geben oft nach und unterschreiben und glauben gern etwas, was ihnen als einfache Rettung vorgespiegelt wird und sich dann als Chimäre erweist, Probleme nicht löst, sondern zusätzliche schafft.

2. Welche reversiblen oder irreversiblen Nebenwirkungen hat EKT?



EKT wurde früher bei Bewusstsein und ohne Betäubung und sehr häufig gegeben, in Haar auch routinemäßig zur Vorbereitung der Patienten aufs Wochenende, wenn Besuchszeit war und die Personaldecke dünner war. Ältere Pfleger wussten noch, dass man die Freitage damals im Jagon »Waschtag« nannte, weil da jeder prophylaktisch eine Behandlung im Sinne einer vom Personal positiv gesehenen »Gehirnwäsche« bekam.
a) Um die »Nebenwirkungen« kümmerte man sich damals nicht. Die Ärzte wussten, dass der Elektroschock, wie man EKT damals nannte, ohne Betäubung für den Patienten eine sehr traumatische Erfahrung war und große Angst davor herrschte.
Die Befürworter von EKT ohne Betäubung argumentierten aber, dass beim Aufwachen nach dem »Schock« infolge der Schädigung des Kurzzeitgedächtnisses dem Patienten dieses Erlebnis nicht mehr in Erinnerung sei. An anderer Stelle leugnet man aber jede Gedächtnisschädigung durch Schock und schreibt sie der von Anfang an morbiden Konstitution des Patienten zu. Von Militärpsychiatern des 2. Weltkrieges wurde auch argumentiert, dass das Foltererlebnis bei EKT ohne Betäubung einen erzieherischen Wert für den Soldaten mit einer Kriegspsychose habe und deshalb erwünscht sei, »weil das vor dem Krampf auftretende Vernichtungsgefühl alarmierend wirkt und nicht in der nachfolgenden Amnesie...unterzugehen pflegt«.
Während einer Serie von Schocks nimmt der Patient in dem »geschützten« Raum einer Klinik und wegen seiner Benommenheit und einer gewissen vorübergehenden »Euphorisierung« und Verflachung seinen Leistungsabfall auch nicht sofort wahr, sondern erst, wenn er nach einer Schonzeit draußen wieder mit Anforderungen in Familie und Beruf konfrontiert ist. Dann ist die Sache aber schon gelaufen und nicht mehr zu ändern. Ich fühlte mich nach meiner Schocktherapie vernichtet, und als Persönlichkeit reduziert, meiner Erinnerungen ohne Grund beraubt und konnte meine vorher sehr guten Leistungen im Gymnasium in keiner Weise mehr halten oder wiederaufnehmen.



Dagegen gibt es eine amerikanische Studie von 1993, die behauptet, dass
Patienten selbst nach 100 EKT keine kognitiven Schäden gegenüber anderen
Patienten aufweisen. Ein Psychiater kann von seinem »Krankengut« in so einer
Studie alles behaupten, je nachdem, welchen Maßstab er ansetzt. Auch von der
Leukotomie wurde behauptet, sie sei unschädlich für psychisch Kranke. Die
eigentlichen Schäden empfindet der so geschädigte und stigmatisierte Kranke nur
selbst, und dem glaubt man sie nicht, rechnet sie seiner psychischen Krankheit
zu. So hatte auch nach Presseberichten ein Mann, der in den 80er Jahren die
Dürergemälde in der Münchener Pinakothek mit Säure zerstörte, offensichtlich
noch genug kognitive Fähigkeiten, um das zu planen, obwohl er eine Leukotomie
hinter sich hatte. Dass ein normal intelligenter Mensch nach eines solchen
Behandlung noch einen Racheakt planen kann, ist aber kein Beweis, dass er keinen
Gehirnschaden hat. Einen lange hospitalisierten psychisch Kranken misst man
nicht mehr nach normalen Standards, steht doch in den Lehrbüchern, dass die
Krankheit selbst zur Imbezilität führen kann. Immerhin beweisen die EKT-Studie
sowie der leukotomierte Bilderzerstörer, dass man beide Behandlungsarten
irgendwie überstehen kann, wenn auch auf erniedrigtem seelischen und geistigem
Niveau. Das genügt uns aber nicht als Erfolg unserer Therapien. Es gibt eine
Gruppe von ehemaligen Schockpatienten, die sich als »survivor« bezeichnen.
Psychiater berufen sich darauf, dass EKT statistisch von allen Operationen, die
in Narkose durchgeführt werden, die niedrigste Todesrate habe. Dieser Statistik
messe ich keinen großen Wert zu, da ich unter anderem davon ausgehe, dass EKT,
die früher in Großkliniken auch als Disziplinierungsmaßnahme verwendet wurde und
mancherorts wohl noch wird, nur sehr unvollständig und vage dokumentiert wird.
Da die Anwender EKT seit 70 Jahren hartnäckig für völlig harmlos halten, aber
auch wissen, dass EKT wegen ihrer »Nebenwirkungen« in schlechtem Ruf steht, tun
sie ihre Arbeit meist im Stillen. In einer geschlossenen Klinik konnte und kann
man nicht nur EKT verheimlichen, sondern auch Todesursachen kaschieren.
Ausfallserscheinungen durch EKT sind schwer zu belegen, weil sie, wenn sie
belegt sind; als normale Krankheitssymptome oder (seit EKT nur noch in Narkose
gegeben wird) ausschließlich als Narkoseunfälle hingestellt werden, soweit man
sie überhaupt zur Kenntnis nehmen muss. Ein Narkoseunfall bei EKT ist aber
deshalb sehr unwahrscheinlich, weil zur Verhinderung einer Abwehrreaktion des
Patienten und um die letzte Compliance der Bewusstlosigkeit zu erreichen, nur
eine Kurzbetäubung von wenigen Sekunden nötig ist, innerhalb welcher Zeit der
Patient durch Stromeinwirkung auf das Gehirn unter Krämpfen ohnehin bewusstlos
wird. Die EKT-Psychiater berufen sich aber trotzdem auf den Narkosezwischenfall,
weil Unschädlichkeit von EKT für sie auch ein abstraktes und geschütztes Dogma
ist, das durch kein Argument zu erschüttern ist und das sie mit all ihrer
Autorität verteidigen.

b) Während die geistigen und seelischen Nebenwirkungen einer Behandlung, so
schwer sie für Betroffene auch sein mögen, angesichts des antzipierten schweren
Verlaufs jeder diagnostizierten geistigen oder seelischen Erkrankung für
Fachleute kein Problem und keine Kontraindikation darstellen, waren körperliche
und orthopädisch feststellbare Folgen von Anfang an nachweisbar und einklagbar.
Bei der Heilkrampfbehandlung kam es zu Knochenbrücken und Wirbelfrakturen, die
zwar in der Regel nicht beachtet wurden, die aber in besonders krassen Fällen
schon in den 50er Jahren zu mutigen Reklamationen von Angehörigen führten.
Um solche offensichtlichen und nicht wegzuleugnenden Nebenwirkungen zu
vermeiden, experimentierte man schon damals mit dem Nervengift Curare, das vor
dem Schock in nicht tödlicher Dosis appliziert wurde, die Muskulatur des
Patienten lähmte und die körperlichen Krämpfe milderte. Heute ist die Anwendung
relaxierender Mittel vor EKT die Regel, dämpft die sonst überaus heftigen
Konvulsionen, verhindert Knochenbrüche und muss somit als Beweis für
Fortschrittlichkeit, Unschädlichkeit und Humanität der neuen und modernen EKT
herhalten.
An den geistigen und seelischen Schäden von EKT hat sich nichts geändert.
Vielleicht geht man heute vorsichtiger und etwas maßvoller mit dieser
barbarischen Behandlungsmethode um. Betäubung und muskelentspannende Mittel zur
Vermeidung von Wirbelbrüchen sind aber keine moderne Erfindung (siehe Aufsatz
von Prof. Kalinowsky, Juni 1951).

Ob man heute noch das Pfeilgift Curare, das dem Schierling verwandt ist, nimmt, weiß ich nicht.
Wie lange die geistigen und (im Sinne einer Verflachung oder vorübergehenden
Euphorisierung) seelischen Nebenwirkungen einer Gehirnschädigung durch EKT
anhalten, hängt (wie bei jedem Gehirntrauma) von dem Grad der Schädigung, d.h.
von der Stärke der Schocks, ihrer Anzahl, ihrer Dichte und von den
Rehabilitationsmaßnahmen ab, die der Patient nachher erfährt. Auch ein schweres
Schädel-Hirn-Trauma ist nicht ganz irreversibel, und die Folgen eines schweren
Schlaganfalls können im Lauf der Zeit mehr oder weniger kompensiert werden. Die
alte Leistungsfähigkeit wird nach einer Schocktherapie in der Regel nicht mehr
erreicht. Das quälende Gefühl der Leistungseinschränkung nach Schocks kann aber
eine Zeitlang überlagert werden von einer gewissen Euphorie und Gleichgültigkeit
Problemen gegenüber, so dass der Patient sich auch subjektiv besser fühlt. Falls
ein Patient sich über seine Ausfallserscheinungen beklagt, kann man ihm das
leicht als noch übriggebliebenes Depressionssyndrom diagnostizieren und eine
weitere EKT-Behandlung empfehlen. Da er das nicht mehr will, wird er schon aus
eigenem Selbsterhaltungstrieb aufhören, über seine Ausfälle zu klagen.
Für mich persönlich war die erste Schocktherapie die Initiation in meine
Existenz als Psychisch Kranker und Behinderter, die mir gar nicht in die Wiege
gelegt war, die ich aber annehmen musste und schließlich notgedrungen auch
akzeptierte. Ich habe Hinweise darauf, dass es bei vielen anderen Patienten
nicht anders war. Übereinstimmend berichten EKT-Patienten, dass sie vor allem im
visuellen Bereich Ausfälle haben. Das entspricht meiner eigenen Erfahrung. Meine
sehr guten Schulleistungen sanken nach der EKT-Behandlung rapid. Ich bot erst
von da ab das Bild eines psychisch Kranken, was auch bei einem weiteren
Klinikaufenthalt sich verstetigte. Meine Lehrer bescheinigten mir dann auch im
Schülerbogen in einem Eintrag ein Jahr nach der Schockbehandlung: »Ein Fall der
nur noch die Medizin, nicht mehr die Schule angeht.« Ich habe ein noch 1986
testpsychologisch auffallendes Defizit in der visuellen Wahrnehmung, das nach
Meinung des Gutachters »eine organische Ursache haben könnte«, das eben typisch
für EKT-Patienten ist. Darüber gibt es auch wissenschaftliche Erklärungen, weil
der Schläfenlappen, an dem die Elektroden bei EKT angesetzt werden, zwar auch
für andere Persönlichkeitsbereiche, aber besonders für visuelle
Erkennungsprozesse wichtig ist.

(Ich lege dazu den Aufsatz »Psychopathology of Lobe Syndroms« bei).



Kein Schockanwender würde die Idee zulassen, ein so spezifisches und auffallendes Defizit könnte eine irreversible Spätfolge der Schocktherapie sein. Eine solche Annahme in Betracht zu ziehen, eine solche Untersuchung überhaupt anzustellen, wäre eine Verletzung des Dogmas von der Unfehlbarkeit des Psychiaters und seiner seit 70 Jahren erfolgreich erprobten Waffe gegen die Geisteskrankheit, die EKT heißt. Dieses Dogma wird meiner Ansicht nach umso hartnäckiger verteidigt, je unsicherer und fragwürdiger Diagnosen und Therapieansätze werden. Man muss sich dabei vor Augen halten, dass die Psychiatrie nicht in dem Sinn eine exakte Disziplin der Medizin ist wie etwa die Kardiologie oder die Orthopädie. Es gibt bis heute keine biologischen Erkennungsmerkmale für psychische Krankheiten. Die Grundlage einer Diagnose ist immer das Verhalten oder die verbale Aussage eines Patienten und die Subjektivität des Diagnostizierenden.  

Die ordnungspolitische Aufgabe derPsychiatrie ist heute noch, Menschen, die durch ungewöhnliche Aussagen oder Handlungen Normen verletzen könnten, in einen so beruhigten, reduzierten, notfalls auch imbezilen Zustand zu versetzen, in dem sie das nicht mehr tun können.

Ob alle Langzeitpatienten Menschen mit ursprünglichen Gehirnkrankheiten waren, wissen wir nicht. Nach EKT haben sie aber ein feststellbares Syndrom. In diesem Sinne hat Professor Dörner einmal gesagt, EKT verwandle psychiatrische Patienten in neurologische.

Das Ziel und auch die gesellschaftliche Auftrag der Psychiater ist, diese Menschen (die aus unterschiedlichsten Gründen auffällig sind oder erscheinen) zu markieren, manchmal mit einem Stigma, einem Syndrom, und sie so zu verändern, dass soziale Konflikte innerhalb von Familien oder Gruppen vermieden werden.

Dabei steht dem Psychiater ein weites Spektrum von Diagnosen und Therapiemöglichkeiten zur Verfügung, die er sehr subjektiv einsetzen kann, da es zwar anerkannte Lehrmeinungen, aber kein objektiven Kriterien gibt.

Wenn bei der Therapie Gehirnschäden oder organisch bedingte Intelligenzminderungen auftreten, spielt das dabei eigentlich keine Rolle gegenüber der großen Aufgabe, den sozialen Frieden wiederherzustellen, und kann auch schlichtweg vernachlässigt und geleugnet werden. Die Geschichte der Psychiatrie ist voll von Foltermethoden, die euphemistisch als Therapie ausgegeben wurden. Der alte Elektroschock war eine Foltermethode speziell für das Gehirn mit üblen Folgen für den Patienten. EKT und wird heute, soweit mir bekannt ist, nur noch in Narkose durchgeführt, so dass dem Patienten die Angst vor dem Schmerz erspart bleibt, nicht aber die Schädigung.


Die EKT-Folter in Narkose erinnert mich in makabrer Weise an die Hinrichtungsmethoden der alten Chinesen, die dem Delinquenten große Mengen Opium einflößten, bevor man ihn Glied für Glied amputierte. Eine fortschreitende Amputation geistiger und seelischer Fähigkeiten stellt die Erzeugung künstlicher Epilepsien durch Strom auch dar. Ein Elektroschock unterscheidet sich nur im Ausmaß der Schädigung von einer Leukotomie, die früher auch mit moralischen Argumenten verteidigt wurde und eine schwere Gehirnamputation darstellt.


In der Haarer Festschrift von 1955 (Autor: Oberarzt Dr. Vult Ziehen) kann man noch lesen, dass man durch öftere Anwendung von EKT die Wirkung einer Leukotomie erreicht. Beides sei für den Patienten unschädlich.
EKT geht mit Hirnschädigungen und Leistungsausfällen einher, die mit der Zahl der Behandlungen zunehmen. Aussagen von Betroffenen und Untersuchungen darüber werden aber von den Anwendern ignoriert und geleugnet.



EKT wurde früher bei Bewusstsein und ohne Betäubung und sehr häufig gegeben, in Haar auch routinemäßig zur Vorbereitung der Patienten aufs Wochenende, wenn Besuchszeit war und die Personaldecke dünner war. Ältere Pfleger wussten noch, dass man die Freitage damals im Jagon »Waschtag« nannte, weil da jeder prophylaktisch eine Behandlung im Sinne einer vom Personal positiv gesehenen »Gehirnwäsche« bekam.

a)      Um die »Nebenwirkungen« kümmerte man sich damals nicht. Die Ärzte wussten, dass der Elektroschock, wie man EKT damals nannte, ohne Betäubung für den Patienten eine sehr traumatische Erfahrung war und große Angst davor herrschte.
b)      Die Befürworter von EKT ohne Betäubung argumentierten aber, dass beim Aufwachen
nach dem »Schock« infolge der Schädigung des Kurzzeitgedächtnisses dem Patienten dieses Erlebnis nicht mehr in Erinnerung sei. An anderer Stelle leugnet man aber jede Gedächtnisschädigung durch Schock und schreibt sie der von Anfang an morbiden Konstitution des Patienten zu. Von Militärpsychiatern des 2. Weltkrieges wurde auch argumentiert, dass das Foltererlebnis bei EKT ohne Betäubung einen erzieherischen Wert für den Soldaten mit einer Kriegspsychose habe und deshalb erwünscht sei, »weil das vor dem Krampf auftretende Vernichtungsgefühl alarmierend wirkt und nicht in der nachfolgenden Amnesie...unterzugehen pflegt«.
Während einer Serie von Schocks nimmt der Patient in dem »geschützten« Raum einer Klinik und wegen seiner Benommenheit und einer gewissen vorübergehenden »Euphorisierung« und Verflachung seinen Leistungsabfall auch nicht sofort wahr, sondern erst, wenn er nach einer Schonzeit draußen wieder mit Anforderungen in Familie und Beruf konfrontiert ist. Dann ist die Sache aber schon gelaufen und nicht mehr zu ändern. Ich fühlte mich nach meiner Schocktherapie vernichtet, und als Persönlichkeit reduziert, meiner Erinnerungen ohne Grund beraubt und konnte meine vorher sehr guten Leistungen im Gymnasium in keiner Weise mehr halten oder wiederaufnehmen.

3. Wie wird die Elektrokrampftherapie durchgeführt?

 
Wie heute eine EKT Therapie genau durchgeführt wird, kenne ich nicht aus
persönlicher Anschauung, nur aus Bildern und Berichten, da die Ärzte uns und
auch der Öffentlichkeit keinen Einblick in solch eine Sitzung gewähren. Manche
Anwender äußern sich so »begeistert« über ihre Therapieform, dass man annehmen
muss, dass ihnen die Macht, die sie mit dem Stomkabel über den Patienten
ausüben, Freude und Befriedigung gibt, nicht aber dem Patienten. Wie meine EKT
damals verlaufen ist, kann ich auch nicht sagen, da ich ja vorher (mit Insulin
und anderen Mitteln) betäubt wurde, was heute die Regel ist. Ich konnte nicht
einmal mit Bestimmtheit belegen, dass ich eine solche Behandlung bekommen hatte.
Ich lege aber den Teil meiner Krankengeschichte bei, den ich seit 1993 besitze
und in dem meine EKT (wenn auch verschlüsselt) dokumentiert ist.
Für Psychiatrieerfahrene sind EKT und deren Folgen so traumatisch und
demütigend, dass sie nicht gerne darüber reden.
Für die Münchner Verhältnisse ist das Buch »Irre« von Rainald Götz (einige
Seiten liegen bei) vielleicht aufschlussreich, der selber als junger Psychiater
Anfang der 80er Jahre in der Münchner Universitätsklinik gearbeitet hat und dort
auch beschreibt, wie EKT-Behandlungen durchgeführt wurden. Generell lässt sich
sagen, dass dabei zwei Elektroden an den Schläfen des Patienten befestigt werden
und ein starker Strom hindurchgeschickt wird, wodurch der Patient einen
epileptischen Anfall erleidet. Die »geniale« Idee, elektrischen Strom
therapeutisch zur Erzeugung epileptischer Anfälle (Heilkrämpfe) zu benutzen, war
dem italienischen Psychiater Cerletti bei einem Besuch im Mailänder Schlachthof
gekommen, wo ihn beeindruckte, dass Schweine, die vor dem Schlachten mit
elektrischem Strom betäubt wurden, daran nicht starben, sondern nur in Krämpfe
verfielen. Bei ersten Versuchen mit Hunden entdeckte er, dass so ein Strom, wenn
er nur durchs Gehirn und nicht übers Herz gejagt wurde, nur Ohnmacht, nicht aber
den Tod verursachte. Damit war EKT als sicher für Patienten eingestuft und wurde
in den 30er Jahren zur gängigen Behandlung gegen »Verrücktheit«. Ich besitze
auch ein Dokument, demzufolge bei einem Ärztekongress in Wien 1944 ein Mensch
vor der versammelten Ärzteschaft zu wissenschaftlichen Zwecken durch wiederholte
EKT absichtlich getötet wurde.
Schon in den 50er Jahren gab es den Versuch, der als großer Fortschritt gesehen
wurde, die EKT nicht mehr bilateral, sondern unilateral anzuwenden. In den 90er
Jahren wurde diese »Fortschritt« neu entdeckt und als bahnbrechende Neuheit
propagiert. Dabei werden die beiden Elektroden nur an einer Kopfseite angelegt
und zwar beim Rechtshänder an der rechten Kopfseite, die anatomisch mit der
linken, nicht dominierenden Hand verbunden ist, beim Linkshänder umgekehrt.
Damit erreicht man, dass die Schädigung vorwiegend auf der nicht dominierenden
Hirnseite entsteht und weniger störend für den Patienten sein soll. Ich habe
aber auf dem EKT-Workshop in München 1992 im Krankenhaus rechts der Isar
erfahren, dass diese unilaterale Anwendung nicht unbedingt vorzuziehen ist, weil
sie zwar schonender, aber auch weniger wirksam erscheint und daher öfter
angewendet werden muss, um dieselbe »Remission« zu erreichen.
4. Wie wirkt sich die Behandlung auf den Krankheitsverlauf aus?
Für mich bedeutete die EKT-Behandlung keine Heilung, sondern den Einstieg in das
Dasein des Behinderten und psychisch Kranken. Ich habe, seit ich MüPE und dem
Bundesverband Psychiatrieerfahrene angehöre, einige Veranstaltungen besucht,
unter anderem den oben erwähnten internationalen EKT - Workshop im Klinikum
rechts der Isar in seiner ganzen Länge und habe an Professor Lauter einen
ausführlichen Brief geschrieben, den er nicht beantwortet hat. Aus diesen
Kongressen und aus ausgedehnter Lektüre weiß ich, dass EKT, wenn man Glück hat,
von akuten Symptomen befreien kann, aber keine Heilung bewirkt. Rückfälle sind
vorprogrammiert, und es gibt auch den Begriff »Erhaltungs-EKT«, d.h. Schocks im
Abstand von einigen Wochen oder Monaten. Die meisten EKT-Patienten sind auch
nicht geheilt in dem Sinn, dass sie dann keine Antidepressiva mehr bräuchten.
Das erfährt man aber nur durch gezieltes und hartnäckiges Fragen. In Deutschland
waren die Elektroschocks ziemlich zurückgedrängt, sind aber in letzter Zeit
wieder mehr in Mode gekommen, seit man die körperlichen Nebenwirkungen der
Neuroleptika (Spätdyskinesien) besser kennt und sie nicht mehr einer genetisch
angeborenen Morbidität des Patienten anlasten kann. Die nach außen sichtbaren
Nebenwirkungen von EKT (Knochenbrüche) sind weit leichter zu beherrschen, als
die nach außen sichtbaren Dyskinesien. Die sogenannte »biologische Psychiatrie«
(so nennen sich die Psychiater, die psychische Leiden als reine
Gehirnkrankheiten sehen) und mit ihnen die Pharmaindustrie arbeiten zwar an der
Entwicklung von Neuroleptika, die nur die geistigen Leistungen durch Lähmung der
Dopaminrezeptoren behindern, die für Körperbewegung zuständigen und chemisch
anders gebauten Rezeptoren aber nicht angreifen (Risperdal und Zyprexa), Man
weiß aber noch nicht, welche Langzeitwirkung diese Mittel haben.
Die Renaissance der alten EKT in Deutschland ist auch ein Zeichen der
Hilflosigkeit der biologischen Psychiatrie gegenüber den nachweisbaren
Begleiterscheinungen vieler Psychopharmaka und der Versuch, eine »altgediente«
Behandlungsweise mit neuem Elan wieder neu zu installieren, denn früher übliche
Knochenbrüche oder Wirbelverletzungen durch Schocks sind heute weitgehend
vermeidbar, während Spätdyskinesien auch bei neueren Medikamenten nicht
ausgeschlossen werden können, da sie sich erst über Jahre entwickeln.
Aus all dem ergibt sich, dass ich aus eigener Erfahrung heraus EKT wegen ihrer
beträchtlichen Kurz- und Langzeitschäden, ihrer Wirkungslosigkeit und ihrer
Geschichte als Folterinstrument entschieden ablehne und auf die Entwicklung
einer gemeindenahen Psychiatrie ohne Schocks und mit möglicht wenig Medikamenten
in Krisenzeiten setze. Familientherapeutische und psychologische Ansätze sollten
im Vordergrund stehen. Damit weiß ich mich im Einklang mit der großen Mehrheit
unserer Mitglieder.
Ich hoffe, Ihnen mit diesen Ausführungen ein wenig gedient zu haben und auch der
Sache. Ich habe Ihnen als Anlage Aussagen von Psychiatrieerfahrenen und Aussagen
von Psychiatern (teils aus alten und neuen Lehrbüchern und psychiatrischen
Fachzeitschriften) beigelegt. Ich hoffe, diese Anlagen sind nicht zu
unübersichtlich. Ich habe in den letzten Jahren nicht nur an EKT Kongressen
teilgenommen, sondern auch in der Fachliteratur gelesen und besitze noch mehr
Unterlagen. Ich kann auch gerne die genaue Herkunft der einzelnen beigelegten
Texte nachweisen und andere Texte beibringen, falls das nützlich ist.
Da ich aber nicht weiß, wie viel Zeit Sie für die Untersuchung aufwenden können
und ob es überhaupt Menschen gibt, die sich mit dem komplizierten und
unerquicklichen Thema tiefer auseinandersetzen können und wollen, erspare ich
mir die psychische Belastung, die für mich als Betroffenen immer noch mit der
Erinnerung an meine eigene EKT verbunden ist, obwohl seitdem viel Zeit
verflossen ist und ich inzwischen gelernt habe, einiges mehr an Belastung und
Stigmatisierung zu ertragen. Erkennbar ist aus den Texten, dass Patienten,
soweit sie sich artikulieren, wegen die Ausfälle nach EKT sehr betrübt und
sozial verunsichert sind, das aber nicht mehr rückgängig machen können, sondern
versuchen müssen, damit fertig zu werden und zu leben. Gelingt ihnen das trotz
ihrer Schäden, dann gilt die Behandlung als erfolgreich, gelingt es nicht dann
gilt der Patient eben als hoffnungslos. Suizidiert er sich nach EKT, dann war
immer seine angeborene Depression schuld. EKT-Behandler, die diese Ausfälle
nicht selbst spüren, neigen dazu, sie zu bagatellisieren oder, (was leicht
möglich ist) sie der Krankheit oder der besonders morbiden Konstitution der
»Geisteskranken« zuzurechnen.
Im ganzen scheint mir doe Abschaffung der atavistischen EKT mindestens so
schwierig und wichtig zu sein wie die Stillegung der vorsintflutlichen
Atomwärmekraftwerke. Die Elektroschocktechnik ist 70 Jahre alt und wurde seitdem
stetig, aber nur auf dem Papier verbessert. Noch immer werden künstlich
epileptische Anfälle erzeugt, die angeblich eine Form der Verrücktheit heilen
sollen. Auf dem EKT-Workshop von 1992 wurde gar behauptet, EKT setze einen
»Coctail« von heilenden Substanzen im Gehirn frei. Auf die Frage, warum sich
dann nicht jeder EKT machen lässt, wenn es so gesund und unschädlich und
erfrischend sei, folgte die Antwort, das wirke eben nur bei psychisch Kranken.
Es hat aber aus gutem Grund noch nie ein Psychiater diese angeblich so heilsame
Foltermethode an sich ausprobiert, während es kurze Ansätze von Selbstversuchen
mit niedrigdosierten Neuroleptika schon gab, die aber sehr bald abgebrochen
wurden. Erfrischend und unschädlich ist EKT nur für den anwendenden Arzt, wenn
er die Sicherheitsvorschriften beachtet und nicht selbst mit den Elektroden in
Berührung kommt. Ich habe eine diesbezügliche Warnung in einem alten Lehrbuch
gelesen.
Ich habe wenig Hoffnung, dass in den nächsten 40 Jahren der Ausstieg aus EKT
gelingt, zumal es in USA und anderen Ländern noch mehr verbreitet ist und in
Deutschland gerade eine Renaissance der EKT droht. Wie bei der vorsintflutlichen
Atomspaltung energiepolitische und wirtschaftliche Erwägungen, so verhindern
auch beim Elektrokrampf »sozialpolitische« und wirtschaftliche Erwägungen den
Ausstieg.

Der Vorteil, Menschen damit beruhigen zu können, ist so groß, dass er die Gehirnschäden für einen Betroffenen in der öffentlichen Meinung aufwiegt. Wir in der Gegenwart unmittelbar Betroffenen stellen nur einen kleinen unterprivilegierten Teil der Bevölkerung dar, wie auch nur ein kleiner Teil der Bevölkerung gegenwärtig von den Auswirkungen der Atomwirtschaft unmittelbar betroffen ist. Aber grundsätzlich kann es auch in der Psychiatrie jeden treffen, der sich jetzt noch in falscher Sicherheit wiegt oder wähnt.

 

Ich will das Bild nicht weitertreiben, aber mir kommt oft der Gedanke, dass wir
als Psychisch Kranke als »Müll der Gesellschaft« auch so gesehen wurden wie
Atommüll, dass man uns zwar lagerte, aber nichts mit uns anzufangen wusste, uns
in der Nazizeit mit aktiver und engagierter Beihilfe vieler Ärzte auch einfach
»entsorgte«.

Professor Dörner hat einmal gesagt, dass man in den Kliniken Menschen zu dem machte, was man dann als vernichtenswert einstufte. EKT, in den dreißiger Jahren im Mailänder Schlachthof erfunden, in der Zwangspsychiatrie unbeschränkt eingesetzt, hat kaum jemandem genützt, außer den Anwendern, aber vielen Patienten geschadet. 

EKT setzt die Tradition der Folterwerkzeuge in der Psychiatrie fort, nur dass die Folter sich heute nicht mehr auf den ganzen Körper erstreckt, sondern auf das Gehirn konzentriert und am narkotisierten Patienten gemacht wird.

Dabei werden die älteren Methoden (Drehstuhl und Dauerbäder) von Patienten, die beides erleiden mussten, noch als gnädiger empfunden, weil man sich innerlich dagegen wehren konnte. 

Ein direkter massiver Angriff auf das Gehirn, auch in Narkose, ist eine sehr viel heimtückischere Sache, wirkt direkt auf die Persönlichkeit und macht wehrlos und hilflos. Er heilt nicht, sondern verletzt.


Ich hoffe, dass ich damit unsere ablehnende Einstellung EKT gegenüber, auch aus
meiner persönlichen Erfahrung heraus einigermaßen begründet habe. Wir danken
Ihnen für Ihr Interesse und sind gerne bereit, unsere Informationen
weiterzugeben und uns für das Thema zu engagieren.

Mit freundlichen Grüßen
A. Deisenhofer
Mitglied des Vorstandes



mfg
P.O.

Siehe auch:
http://www.antipsychiatrieverlag.de/artikel/gesundheit/deisenhofer.htm

Sunday, November 29, 2009


Novemberblu(t)es

Es scheint mir, dass ich zur Zeit zu viel
NOVEMBERBLU(T)ES in mir habe.
Grinst der Tod schon um die Ecke?

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Das ist aber nur eine Momentaufnahme. Vielleicht auch nur Koketterie mit dem Tod.
Bald geht es mir wieder gut... oder zumindest besser.
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Dazu fällt mir ein kurzes Gedicht des Südtiroler Dichters
n.c. kaser ein:

zu allem lust &
auch zu nichts
jaeh gelebt &
jaeh gestorben

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nobert c. kaser, (* 19. April 1947 in Brixen, Südtirol; † 21. August 1978 in Bruneck)

http://de.wikipedia.org/wiki/Norbert_Conrad_Kaser


Friday, February 11, 2005


Tierversuchsgegner.org

http://www.tierversuchsgegner.org/Tierversuche/tierversuche.3.html

Unsinnige und grausame Tierversuche


Das Impf-»Problem«Ein ebenso häufig wie unreflektiert zu hörender Rechtfertigungsversuch der Tierversuche ist die Behauptung, daß auf diese Weise die Impfung »entdeckt« und die Infektionskrankheiten damit »ausgerottet« worden seien. solche Feststellungen können nur geäußert werden, wenn man sich mit diesbezüglichen Werbeslogans als Beurteilungsgrundlage zufriedengibt.
Als der englische Arzt Edward Jenner 1796 erstmals in der Medizingeschichte einen gesunden Jungen gegen Pocken impfte, hatte er nie Tierversuche gemacht und nicht einmal daran gedacht. Seine empirischen Beobachtungen der Erkrankungsfälle veranlaßten ihn im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit, diese Methode zur Verhütung von Infektionen auszuprobieren. Die Verlaufskontrollen späterer Infektionen mit Pockenlymphe bestätigten zwar die Wirksamkeit dieser Maßnahme, jedoch konnte er die zunehmenden unerwünschten Neben- und Spätschäden noch nicht kennen und das Impfrisiko in seine Abwägung und Beurteilung nicht mit einbeziehen.
Solche Nebenwirkungen veranlaßten England nach ca. 15jähriger Beobachtung, die Pockenimpfpflicht wieder aufzuheben, und wenige Jahre später folgten auch die Niederlande um die Jahrhundertwende dieser Entscheidung. Leider wird nie erwähnt, daß diese beiden Länder trotz ihrer engen personellen und wirtschaftlichen Beziehungen zum Orient und Asien seitdem gegenüber den Impfverpflichteten anderen europäischen Ländern die geringste Infektionshäufigkeit haben. Vielfach unbekannt ist auch die ca. 10jährige Vergleichsstudie der WHO mit der Tuberkulose-Impfung in Indien in den 70er Jahren. Es mußte festgestellt werden, daß die anschließende Infektionshäufigkeit bei den Geimpften höher war als bei den Ungeimpften. Unerwähnt blieben dabei die Nebenschäden, jedoch führte diese Studie in Verbindung mit den Erfahrungen der Pockenimpfungs-Spätschäden zur dringenden Empfehlung der WHO, den Impfzwang gegen Pocken aufzuheben, der die BRD 1983 dann nachkam. (12)
Impfungen haben auch nichts mit Seuchenrückgängen zu tun, denn diese begannen jeweils lange vor einer Impfeinführung; die Impfungen ließen fast immer negative Auswirkungen auf die durch bessere hygienische und soziale Verhältnisse begründete Rückgangstendenz erkennen. (11)
Die renommierteste Seuchenbekämpfungsbehörde der Welt, das »Centers for Disease Control« in Atlanta (CDC) versucht seit Jahrzehnten vergeblich, die Tuberkulose in USA auszurotten und hat dies jetzt für 2010 prophezeit. Der Leiter mußte bekennen, daß der kürzliche Rückgang der Erkrankungshäufigkeit nur die sozial höheren Schichten der Weißen betroffen habe, bei den sogenannten Risikogruppen der Armen mit falscher Ernährung, Alkohol-, Drogen-, Tabletten- und Niktionkonsum sei sie um das Doppelte angestiegen.
Dazu würde auch beitragen, daß die Impfung in sehr unterschiedlicher Häufigkeit nur von 0-65% gegen die Infektion schütze. Sein pessimistisches Resumee lautet deshalb:
»Solange Menschen ihr Leben unter solchen Verhältnissen in Armut, bei schlechter Ernährung und miserablen Wohnverhältnissen verbringen müssen, wird die Tuberkulose wohl kaum unter Kontrolle zu bringen sein!« (3)10 Milliarden DM Steuergelder für ImpfschädenBei der Bewertung jeder medizinischen Methode muß zwischen den Vor- und Nachteilen für den Patienten abgewogen und somit auch die Folgeschäden berücksichtigt werden. Deshalb sei erwähnt, daß in der (alten) BRD bei einer Ablehnung der Impfschadensanträge bis zu 85% (31.12.1986 = 8059 Anträge, 5457 Ablehnungen) 2517 Impfschadensfälle mit lebenslang pflegebedürftiger geistiger und körperlicher Behinderung anerkannt wurden. Dafür muß der Steuerzahler - nicht der Impfstoffhersteller oder eine Versicherung - etwas mehr als 10.000.000.000 (in Worten: zehn Milliarden) DM aufbringen. Dabei nicht mitgerechnet sind die Impfschadensfälle mit einer Behinderung von weniger als 100% oder mit nicht nachgewiesener Kasuistik, für deren Versorgung die Pflichtmitglieder der gesetzlichen Krankenkassen aufzukommen haben.
Leicht kann sich auch beim Statistischen Bundesamt und bei den Versorgungsämtern anhand ihrer Statistiken unterrichtet werden, daß der Rückgang der Infektionshäufigkeiten bei allen Erkrankungen schon lange vor Beginn der Impfung einsetzte. Die eindeutig erkennbare abfallende Tendenz wurde nur gebremst und verlangsamt, als man mit Impfungen begann! Dann verliefen die Kurven flacher und verzögerten den durch bessere Sozial-, Ernährungs- und Lebensverhältnisse begründeten Rückgang. (11)
Insofern bestätigten sich die fachkompetenten Feststellungen von Louis Pasteuer:
»Der Keim ist nichts, das Terrain ist alles!«Werden solche Erkenntnisse von den Impfbefürwortern eigentlich ernstgenommen?
Der DiabetesNoch häufiger muß die Zuckerkrankheit dafür herhalten, die Notwendigkeit und Verwertbarkeit von Tierversuchen zu begründen. Es wird behauptet, daß die Erkenntnisse über den Diabetes und seine Heilung nur durch Tierexperimente möglich gewesen seien. Wie bei den anderen Argumenten, so zeigt sich auch hier bei objektiver und differenzierter Betrachtung die Unhaltbarkeit solcher öffentlichen Erklärungen, und man muß sich fragen, geschehen solche leicht widerlegbaren tierversuchsbefürwortenden Äußerungen bewußt oder unbewußt?
Immer wieder ist zu hören, daß der Diabetes 1889 von Mehring und Minkowski durch Experimente am Tiermodell »entdeckt« worden sei. Jeder mit der Medizingeschichte einigermaßen Vertraute kennt die aufschlußreichen Bücher des amerikanischen Militärarztes Dr. William Beaumont, der mit seinen Darstellungen über die Bedeutung der Bauchspeicheldrüse und ihrer Funktion bei der Verdauung Weltberühmtheit erlangte und deshalb in das Buch »Große Ärzte der Weltgeschichte« einging. Beaumont hat keinen einzigen Tierversuch gemacht, sondern er sammelte seine Erfahrungen als Arzt und Militärarzt bei der Behandlung Bauchverletzter mit Beteiligung der Bauchspeicheldrüse.
Alleine auf seinen Arbeiten und Kenntnissen aufbauend erlangte der Experimentator Claude Bernard zweifelhafte Berühmtheit, als er zehntausende von Tieren, meistens Hunde, ohne jede Betäubung mit auf den Tisch festgenagelten Pfoten vivisezierte, laparotomierte und pankreasektomierte, um Näheres über den Zuckerhaushalt herauszufinden. Vergeblich, er konnte nicht mehr in Erfahrung bringen, als was Beaumont schon vor 50 Jahren festgestellt hatte. Was Bernard als »große Entdeckung« zugeschrieben wurde, war die irrige Annahme, die Leber produziere den Zucker aus dem Nichts. Darauf aufbauend nahm man bis vor wenigen Jahren noch an, die Leber könne den Zucker speichern und bei Bedarf wieder freisetzen.
Zur Situationsbeschreibung soll die gerichtliche Aussage eines Mitarbeiters von Bernard herangezogen werden, dem englischen Arzt Arthur de Noe Walker:
»Ich verzichte darauf, diese furchtbaren Experimente kritisch näher zu beschreiben. Ich fühle zu große Verachtung für diesen Experimentator und zu großes Grauen vor den Experimenten. Ich hätte diesen Mann sofort seines Amtes enthoben!«Wiederum waren es empirische Forschung und Beabachtung des Kranken und keine Tierversuche, als der Pathologe Langerhanns 1869 die nach ihm benannten »Langerhanns'schen Inseln« in der Bauchspeicheldrüse fand und dort mit Recht die Produktion des den Zuckerhaushalt regulierenden Stoffes vermutete.
Auch die Kanadier Nating und Brecht fanden dann das den Kohlehydratstoffwechsel organisierende INSULIN nicht im Tierversuch, sondern sie besorgten sich für ihre Forschung regelmäßig die Bauchspeicheldrüsen im Schlachthaus, aus denen sie dann mit angesäuertem Alkohol das Insulin extrahierten. Noch heute wird der größe Teil des Insulins für die humanmedizinische Behandlung auf diese Weise gewonnen. (12)
Ein sehr interessanter Aspekt soll in diesem Zusammenhang hier eingefügt werden, welcher die Unsicherheiten, Unkalkulierbarkeiten und Inkonsequenzen der Untersuchungsmethoden sowie der Medikamentenentwicklung veranschaulicht: Das Insulin wurde in der Therapie für den Menschen angewandt, bevor man tierexperimentell feststellte, daß es bei Kaninchen, Mäusen, Ratten, Hühnern und anderen Labortieren Mißbildungen der Nachkommen verursacht. Hätte man das vorher gewußt, wäre es wahrscheinlich nie zur Diabetes-Behandlung eingesetzt worden! Es handelt sich hier um eines der vielen falsch-positiven Tierversuchsergebnisse, wie sich erst später herausstellte. (13)
Unabhängig davon muß noch festgehalten werden, daß die Behandlung mit Insulin keine Heilung der Krankheitsursache darstellt, sondern lediglich eine Substitutionstherapie mit all ihren Folgen. Die Krankheit selbst wird nicht gebessert, sondern die an sich schon unzureichend arbeitenden Langerhanns'schen Zellen werden noch atrophischer und der Patient bleibt lebenslang zunehmend von dieser Zufuhr abhängig.
Darum haben sich die Todesfälle durch Diabeteserkrankung trotz oder wegen dieser Substitutionstherpaie relevant vermehrt und nicht vermindert. 22 Jahre vor der Entdeckung des Insulins - um 1900 - betrug die Mortalität in Amerika 11 auf 100.000 Einwohner, 1954 waren es 15,6 Tote, 1963 starben am Diabetes 17,2 und 1973 waren es 27,8 und die Zahlen steigen weiter an.
In Japan ist die Todesrate mit 2,4 auf 100.000 Einwohner weltweit am niedrigsten. Wenn jedoch ein Japaner nach USA auswandert und sich dort den Eß- und Lebensgewohnheiten anpaßt. tritt bei diesem die tödliche Zuckerkrankheit in gleicher Häufigkeit wie bei den Amerikanern auf. Ähnlich hoch wie in den westlichen Ländern ist sie bei den Wohlhabenden in Indien, während der Diabetes bei der armen Bevölkerungsschicht praktisch nicht vorkommt, ebenso wie bei den Vegetariern Europas (12)
Die Ursachen dieser Krankheit sind also bekannterweise ernährungsbedingt. Wäre es also nicht besser, ihre Entstehung durch Aufklärung zu verhindern, als die »Ursachen« im fragwürdigen Experiment zu suchen, mit dem sowieso nur eine Symptomatik erzeugt werden kann?
Die Contergan-KatastropheEine der wohl schwerwiegendsten unzutreffenden Interpretationen experimenteller Ergebnisse der jüngsten Zeit ist in der die Aussagesicherheit und Übertragbarkeit solcher Werte für den Menschen verschleiernden Behauptung zu sehen, daß vor der Zulassung des CONTERGAN nicht genügend Tierversuche und insbesondere keine Untersuchungen der Substanz Thalidomid auf ihre mißbildenden Eigenschaften gemacht worden seien. Solche Aussagen müssen richtiggestellt werden:
Als Contergan (Thalidomid) 1957 auf den Markt kam, versandte die Herstellerfirma ca. 40.000 (!) Rundschreiben an Ärzte, Apotheker und andere, in denen es als das beste Mittel für Schwangere und stillende Mütter bezeichnet wurde. Als »wirklich neues Produkt« habe man seine Sicherheit durch ausgedehnte Tierversuche besonders gründlich überprüft!
Bereits 1961 lagen dem Hersteller mehr als 1600 dringende Warnungen über Schädigungen vor, die man seinem Medikament zuschreiben mußte, und im Alsdorfer Prozeß stellt die Staatsanwaltschaft fest, daß die Firma bereits 1960 genügend Informationen gehabt habe, das Präparat vom Markt zurückziehen zu müssen.
Die Herstellerfirma mit Lizenznehmern in 11 westlichen, 7 afrikanischen und 17 asiatischen Ländern machte also nicht nur vor der Zulassung von Contergan außergewöhnlich viele Tierversuche gezielt auf seine teratogenen Nebenwirkungen, sondern auch nach diesen Hinweisen und während des jahrelangen Prozesses.
Noch 1962 brachte der britische Lizenznehmer Distillers das Thalidomid unter dem Namen »Distival« mit der Zusicherung auf den Markt, daß es auch von Schwangeren und stillenden Müttern mit »absoluter Sicherheit« ohne Nebenwirkungen eingenommen werden könne, weil alle Tierversuche keinen Hinweis auf Schädigung der Leibesfrucht erbracht hätten. Als der nach Jahren wohl längste Prozeß 1970 endete, waren unzählige Tiere aller Arten vergeblich geopfert worden, um die Teratogenität des Contergans zu belegen. Lediglich an einem seltenen australischen Kaninchen und an einer relativ seltenen Affenart konnte bei vieltausendfacher Überdosierung und monatelanger Verabreichung gelegentlich eine Fehlbildung bei den Nachkommen beobachtet werden. Hier wurde aber sofort geltend gemacht, daß diese Ergebnisse keine Aussage für den Menschen hätten, weil Mißbildungen ebenso wie Krebs »immer entstehen könnten«, wenn man die Substanz in so hohen Dosen und so langzeitig verabfolgen würde.
Zahlreiche Gerichtssachverständige - sprich Experimentatoren - sagten im Prozeß unter Eid aus, daß die Tierversuchsergebnisse niemals für den Menschen schlüssig seien. Unter diesen Gutachtern befand sich auch der Nobelpreisträger Ernst Boris Chaim, der mit Flemming zusammen die antibakterielle Wirkung des Penicillins entdeckte. Laut Gerichtsprotokoll äußerte er sich am 2.2.1970 wie folgt:
»Kein Tierversuch mit einem Arzneimittel, auch wenn er an vielen Tiergattungen einschließlich Primaten unter allen erdenklichen Bedingungen durchgeführt wird, kann eine Garantie dafür geben, daß das so geprüfte Arzneimittel beim Menschen sich gleich verhält; denn der Mensch gleicht eben in vielen Beziehungen nicht dem Tier!«Wegen dieser bestätigten Nichtübertragbarkeit der Tierversuchsergebnisse auf den Menschen wurde die Herstellerfirma von der Haftung freigesprochen. (12)
3)
Wenn solche Übungseingriffe am Tier erfolgen, dann sind dafür unter anderem fehlende manuelle Erfahrungen durch unzureichende Assistenzen und besonders Zeitdispositionen ausschlaggebend. Damit müssen sie aber als Zweckmäßigkeitserwägungen für persönliche Erleichterungen definiert werden; keinesfalls sind sie eine unerläßliche Ausbildungsnotwendigkeit. Viele Tausende Chirurgen und ihre Teams sind fähige und verantwortungsbewußte Operateure geworden, ohne jemals an einem lebenden Tier geübt zu haben.
Eine ähnliche Beurteilung ist auch für die Transplantations-Chirurgie angebracht: Die operative Technik beherrscht der fachgemäß ausgebildete Arzt und diese bereitet keine Schwierigkeiten. Problematisch wird das Operationsergebnis immer erst durch die mehr oder weniger gute Verträglichkeit des Transplantates, die in unterschiedlicher Häufigkeit zu Abstoßungsreaktionen führt. Gerade diese Risikofrage aber kann für den Menschen nicht am »Tiermodell« beantwortet werden, ja nicht einmal an einem anderen Menschen. Auch sind weder der Dosierung noch Wirkung oder Nebenwirkung der benötigten Immunsuppressiva für ihn tierexperimentell zu beurteilen.
Der andersdenkende Arzt
Trotz dieser allgemein anerkannten Umstände wird dem tierversuchsablehnenden Mediziner oft Inkonsequenz im Denken oder gar Unlogik vorgeworden, weil er Medikamente benutze, die im Tierversuch »getestet« wurden. Eine sehr einfache Überlegung kann hier Klarheit schaffen, wo der Gedankenfehler zu suchen ist:
Daß Tierversuche gemacht wurden und noch gemacht werden, ist kein Beweis für ihre Notwendigkeit, denn es gibt viele andere Gründe, sie durchzuführen. Es wird durch diese Experimente auch nicht widerlegt, daß nicht auf andere Weise sogar bessere Erkenntnise hätten erworben werden können und wurden. Wenn der Arzt Medikamente verschreibt und der Patient sie einnimmt, besagt das nicht, daß man mit ihrer »tierexperimentellen Erprobung« einverstanden ist und diese für sinnvoll und verwertbar hält. Wenn für die Zulassung in der Humanmedizin die Experimentergebnisse vom Tier nicht akzeptiert werden, sondern nur die »klinische Erprobung« und der Nachweis auf Unbedenklichkeit am Menschen, ist ihre relativ risikofreie Dosierung und Anwendung nicht auf die Tierversuche zurückzuführen, vielmehr auf die geforderte menschliche Prüfung. Der kritische Mediziner lehnt auch keineswegs eine Forschung ab, wie es ihm oft unterstellt wird. Auf Grund unvoreingenommener Betrachtung bisheriger Ergebnisse und Erfahrungen ist er allerdings der begründeten Auffassung, daß am Tier weder die erforderlichen Erkenntnisse über menschliche Erkrankungen, noch eine Medikamentensicherheit gewonnen werden können und daß diese leidvolle und tödliche Verwertung unserer Mitgeschöpfe, unabhängig von vermeintlichen, behaupteten oder tatsächlich verwertbaren Ergebnissen mit einer humanistischen Verhaltenweise und Humanmedizin im Sinne des Wortes nicht vereinbar ist. Der bekannte Psychiater und Neurophysiologe der Universität Oxford, Prof. Dr. Ryder, schrieb in seinem Buch »Victims of science«:
»Wissenschaftlicherseits werden die Tierexperimente mit der Ähnlichkeit und Vergleichbarkeit von Tier und Mensch begründet, die grausamen Handlungen an den Mitgeschöpfen dagegen mit der Verschiedenheit von Leiden und der nicht zutreffenden geringeren Schmerzempfindlichkeit des Tieres zu rechtfertigen versucht. Entweder unterscheiden sich Mensch und Tier so erheblich, daß die Experimente keine oder nur eine ungenügende Aussage für uns haben, oder die Tiere sind uns so ähnlich, daß sich die grausamen und tödlichen Versuche von selbst verbieten. Ich glaube nicht, daß die Leiden, die ich den Versuchstieren zugefügt habe - es waren leider etliche -, den Menschen auch nur im geringsten geholfen haben!«Der LD-50-TestAuch über diese tierexperimentellen Untersuchungsmethoden auf Giftigkeit von Fremdsubstanzen für den Menschen scheinen ergänzende Informationen dringend erforderlich. Schon ihr Erfinder Trevan bezeichnete sie 1927 als absolut unbefriedigend, obwohl er damit nur in grober Weise die akute Toxizität von Fremdstoffen am Arbeitsplatz beuteilen wollte. Wegen zunehmender Wissenschaftskritik über die Verwertbarkeit und laufender Öffentlichkeitsproteste über die qualvolle Tierbehandlung wird dieser Test zwar offiziell nicht mehr gefordert, jedoch seitens der federführenden amerikanischen Organisation FDA (Food and Drug Administration), der EPA (Enviro-nmental Protection Agency), der CPSe (Consumer Product Safety Commission) für die Zulassung eines Produktes stillschweigend vorausgesetzt. (26)
Da die Hersteller sowohl mit den USA als auch den anderen Ländern ins Geschäft kommen wollen, wird er unberührt der berechtigten Beanstandungen und seiner Wertlosigkeit für den Verbraucher noch laufend angewendet. Trotz eines vielfachen »grundsätzlichen« Verbotes in den Gesetzen und Verordnungen mehrerer Länder sorgen zahlreich vorgesehene Ausnahmeregelungen für seine weitere Durchführung ohne Schwierigkeiten. Dabei ist es unerheblich, daß aus Zweckmäßigkeitsgründen einer Namensänderung jetzt OECD-weit der sogenannte Limit-Test oder FDP-Test empfohlen wird, dem lediglich eine unwesentlich geringere Tierzahl und etwas andere Experimentkriterien zugrunde liegen. Das Wesentliche aus der Sicht des Konsumenten blieb unverändert, daß sie keine verwertbare Aussage darüber machen, ob die geprägten Substanzen für den Menschen in gleicher Weise wie für das Tier ungiftig oder schädlich sind. Die durch sie festgestellten tierischen Letaldosen haben ohnehin für den Menschen keine Bedeutung. Augenscheinlich dienen diese Maßnahmen mehr zur rechtlichen Absicherung bei Transport und Anwendung im Hinblick auf Produzentenhaftung. Wenn sie tatsächlich im Interesse der Verbrauchers vorgenommen würden, dürften die »geprüften« Produkte gar nicht auf den Markt kommen, weil so kein Hinweis auf ihre Anwendungssicherheit zu erhalten ist.
Für alle heute anonymisierend als »Altlasten« bezeichneten hochgiftigen, krebserregenden und gesundheitsschädlichen chemischen Substanzen wurden Millionen hochentwickelter Säugetiere qualvoll im LD-50-Test geopfert, um die Verträglichkeit für den Menschen zu beurteilen. Jetzt müssen wegen ihrer ergebnismäßig nachgewiesenen Gesundheits- und Lebensgefährdung vielfache Milliarden-beträge zur umfassenden Bodensanierung aufgebracht werden, ohne daß man weiß, wie sie gefahrlos zu vernichten wären. Und das ist nur die Spitze eines Eisberges! Es wäre an den befürwortenden Wissenschaftlern, den Behörden und der Industrie, Stellung zu nehmen, ob diese Tests nun in verwertbarer Weise die Giftigkeit erkennen ließen oder die Substanzen trotz ihrer nachgewiesenen Schädlichkeit verwendet wurden. In beiden Fällen wären umgehend Konsequenzen zu ziehen!
Der Unfug der »Grenzwerte«Der nachfolgend skizzierte Berechnungsmodus für die sogenannten Ungiftigkeits- und Verträglichkeits-Grenzwerte der Chemieprodukte des täglichen Lebens macht erkennbar, bis zu welcher Gedankenakrobatik solche »wissenschaftlichen« Prüfmethoden bei wirtschaftlichem Interesse kulminieren können: Zum Zwecke des weiteren Verkaufs und der Verwendung der konzentrationsabhängig häufig sehr schädlichen Chemikalien unterstellt man einfach, daß sie unterhalb einer bestimmten Konzentration keine schädigende Wirkung für den Organismus hätten, und daß es eine errechenbare Dosis gäbe, die ohne Gesundheitsgefährdung dem biologischen System laufend zugemutet werden könne.
Unter dieser Prämisse errechnete der »Rat der Umwelt-Sachverständigen« 1974 für die ca. 5.000 toxikologisch wirkungsbekannten chemischen Substanzen je eine sogenannte Ungiftigkeitsgrenze von Fremdsubstanzen für den menschlichen Organismus und benannte sie NEL - no effect level -, in gleicher Weise wurde eine tägliche Verträglichkeitsdosis festgelegt, die gefahrlos lebenslang eingenommen werden könne und mit ADI bezeichnet - acceptable daily intake - (14), obgleich alle kompetenten Wissenschaftler die Auffassung vertreten, daß es solche Wirkungsschwellenwerte im biologischen Organismus gar nicht gibt und daß keine noch so kleine Dosis einer Fremdsubstanz existiert, die im Körper ohne Wirkung sei! (15, 16, 12). Sie alle stellen fest, daß nur die Null-Dosis ein NEL ist (16) und daß die klinische »zero-response« des Organismus kein Beweis für eine »no-response« ist. (17)
Die funktionsändernden Wirkungen von Substanzmengen unterhalb der NEL-Grenzwerte zu ignorieren, weil sie nicht unmittelbar klinisch erkennbar und analytisch erfaßbar sind, muß als unwissenschaftlich und verbraucherfeindlich bezeichnet werden. Jeder in das biologische System gelangende Fremdstoff hat Einfluß auf seine Funktionen und seinen Zustand, sowie er häufig Ursache sich erst später manifestierender Krankheiten ist. Ein Vergleich mit der Musik drängt sich auf, deren Einwirkung auf den Gesamtorganismus niemand bezweifelt, aber doch physiologisch-chemisch zunächst nicht erkennbar wird. Entsprechend den Beurteilungskriterien für die NEL-Wirkungsschwellenwerte müßten die Musiker aber erst mit ihren Instrumenten auf die Zuhörer einschlagen, um anhand von Wunden und Schädelbrüchen die »Wirkung« der Musik auch »wissenschaftlich« anerkannt zu bekommen!
Trotzdem dienen diese Schwellenwerte seither als verwaltungsrechtliche Grundlage einer gesundheitlichen Zumutbarkeit für den Verbraucher, obwohl mehr als 80 000 weitere, nicht wirkungsbekannte Substanzen zur Verwendung zugelassen sind! Diese Ungiftigkeits- und Verträglichkeitsgrenzwerte wurden aus mehreren unbestimmten und unbestimmbaren Faktoren auf der klinisch erkennbaren und analytisch erfaßbaren Wirkung im Tierexperiment »errechnet«. Schon hier beginnen aber die Unberechenbarkeiten insofern, als es für den Tierversuch keine definierten und allgemein anerkannten Kriterien einer »Wirkung« oder »Nichtwirkung« gibt und ihre Feststellung somit ausschließlich der subjektiven und interessensgebundenen Beurteilung des Experimentators oder seiner Hilfskräfte überlassen bleibt. Ein weiteres Problem dieses smarten Berechnungsmodus bieten die ihm zugrundeliegenden Wissenschafts-Theorien über die Wirkungsweisen der Fremdsubstanzen im biologischen System, mit denen in unterschiedlicher Form wirkungsspezifische Zellrezeptoren und eine dort ablaufende Dosis-Wirkungsbeziehung angenommen wird. Es gibt jedoch mehrere solcher Zell-Rezeptor-Theorien, von denen aber keine alle Pharmakonwirkungen erklären oder die anderen stichhaltig widerlegen kann.
Es existiert also keine theoretische Grundlage, die alle Wirkungsphänomene zuverlässig und unwiderlegbar erklären könnte. (18)
Weitere unzulängliche Kriterien sind dadurch gegeben, daß im Gegensatz zu Wissenschaftsmeinungen für die Wirkungsdimension einer Substanz lediglich Dosis und Einwirkungsdauer angesetzt und die Vorbelastung des Organismus durch andere Chemikalien unberücksichtigt gelassen wird. Verträglichkeit, Reaktion und Giftigkeitswirkung im biologischen System hängen aber überwiegend von der Stabilität und Kompensationsfähigkeit des Organismus ab - sprich Gesundheit -, demgegenüber Dosis und Einwirkungdauer von untergeordneter Bedeutung sind. Außerdem waren der menschliche und tierische Organismus vorher lebenslang unbekannten Arten und Mengen anderer chemischer Substanzen ausgesetzt, die alle in unbekannter Weise im Körper kumulieren. Solche Vorbelastungen durch verbliebene Fremdsubstanzen sind unbeurteilbar und jede verursacht einen anderen Verträglichkeitslevel für den zu prüfenden Stoff. Eine auch nur annähernd korrekte Giftigkeitsbewertung wird dadurch unmöglich. (18, 19)
Als weiterer unkalkulierbarer Faktor sind die verwendeten Grundwerte dieser Berechnung »zur Sicherheit des Verbrauchers« zu bezeichnen, die aus Tierversuchen stammen. Die zwischen Mensch und Tier oft stark unterschiedlichen Verträglichkeiten von Fremdsubstanzen bis zur gegensätzlichen Wirkung verhindern jedoch, unabhängig von der Unmöglichkeit ihrer verbindlichen Beurteilung am »Tiermodell«, eine Übertragbarkeit der Werte und damit auch eine nur annähernde Quantifizierung beim Menschen. (20)
Nicht zuletzt erscheint dann auch noch eine sechste unbekannte Dimension in dieser Berechnung, das ist der sogenannte Sicherheitsfaktor S, für dessen Anwendung es weder wissenschaftlich noch rechtlich bindende Dimensionen gibt. Darum wird er von jeder Institution oder Behörde, je nach Umständen, Vorstellungen und Notwendigkeiten, zwischen 0 und 100 angesetzt und bedarfsweise geändert. Es ist der Faktor, mit dem die Verträglichkeitswerte unserer zunehmend verschmutzten Umwelt laufend nach oben korrigiert werden, um der Öffentlichkeit zum Zwecke des weiteren Konsums die Ungefährlichkeit der Fremdsubstanzen vorzugeben (21). Solche Auffassungen eines »Verbraucherschutzes« haben natürlich ihre Folgen.
KrebserkrankungenIn der Tumorforschung ist allgemein bekannt und anerkannt, daß 80 bis 90% aller Krebserkrankungen des Menschen durch chemische Substanzen ausgelöst werden, die mit der Nahrung, über Medikamente, durch Körperpflegemittel, Kleidung und andere Umwelteinflüsse an und in den Körper gelangen (22). Die meisten dieser täglich vielfach kontaminierenden Produkte sind im Tierversuch dosisabhängig giftig, krebserregend, organschädigend, fruchtschädigend, allergisierend oder mit anderen Nebenschäden ausgewiesen (20, 23). Jeder würde nun daraus den Schluß ziehen, daß zum Schutze des Verbrauchers ihre Verwendung zumindest drastisch eingeschränkt werden müßte, doch das Gegenteil ist der Fall. Über den Umweg Tierversuche und dem angegebenen Berechnungsmodus legalisiert man die Möglichkeit ihrer ständig zunehmenden Verbreitung. Trotz der nachgewiesenen krebserregenden Nebenwirkungen wird ihre Verarbeitung, Anwendung oder Entstehung - wie z.B. Formaldehyd, Asbest, Dioxine, Perchloraethylen, Furane, Propione und andere - weiterhin mit der Begründung zugelassen und in Kauf genommen, daß die Ergebnisse der Tierversuche doch nicht auf den Menschen übertragen werden können!
Verständnislos fragende Verbraucher werden dann beruhigend auf die »wissenschaftlich gesicherten« Ungiftigkeits- und Verträglichkeitsgrenzwerte NEL und ADI verwiesen, die jede Gesundheitsgefährdung ausschließen würden.
Zur Vervollständigung dieses eigenartigen Verbraucherschutzes und der unbegreiflichen Wissenschaftslogik erscheint noch erwähnenswert, daß mit Milliardensubventionen seit Jahrzehnten am erklärt untauglichen Objekt - dem Tier - nicht nur unermüdlich nach den Ursachen der Krebsentstehung geforscht wird, sondern auch nach weiteren chemischen Verbindungen, um die auf diese Weise bereits verursachten tödlichen Krankheiten und Tumorbildungen wieder durch tierexperimentell »geprüfte« und für »unbedenklich« erklärte weitere chemische Fremdsubstanzen zu heilen! In dem jährlich mit mehr als 100 Millionen DM bezuschußten Heidelberger Krebsforschungsinstitut wurden in den letzten Jahrzehnten weit über 300.000 verschiedene chemische Substanzen auf ihre Kanzerogenität am Tier »getestet«. Nahezu 6.000 davon zeigten am »Tiermodell« eine erfolgversprechende Wirkung auf den Tumor, mußten aber dann beim Menschen als wirkungslos eliminiert werden. Für die Rechner sei ergänzt, daß für jede Substanztestung durchschnitlich 100.000 Tiere verschiedener Art verbraucht werden. Die tierexperimentelle Forschung wird jährlich mit weit über 250 Millionen bezuschußt, die klinische Forschung am Krankenbett erhält im gleichen Zeitraum 400.000 DM! (25)
Die umfassende toxikologische Überprüfung einer wirkungsunbekannten Fremdsubstanz kostet durchschnittlich 2,5 Millionen DM und dauert im Schnitt 1,5 Jahre. Die Unkosten sind leicht errechenbar, was die nachträgliche Analyse der bereits zugelassenen wirkungsunbekannten Substanzen benötigen würden und es wird ersichtlich, mit welchen Zeiträumen von den Experimentatoren für die weitere »Notwendigkeit« von Tierversuchen gerechnet wird.
(Und die Kirche schweigt - oder hält Tierversuche für "sittlich zulässig" - siehe Neuer Katechismus von 1993 - Nr. 2417)